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Montag, 3. März 2014

Vorfahren

von Hubert Schierl

Eigentlich war ich ja mal der Letzte in der Sippe der Schierls aus Woratschen in der ehemaligen Tschechoslowakei, die ganz früher mal Oesterreich – Ungarn war, dann als eigenständiger demokratischer Staat, mit dem Namen „Tschechoslowakische Republik“(mit ihrem legendären Präsidenten Tomas Mazaryk) existierte (eine zu damaligen Zeiten sehr moderne demokratische Republik übrigens), kurze Zeit gemäß dem „Nürnberger Abkommen“ widerrechtlich dem Deutschen Reich einverleibt wurde und nun zu Zeiten meiner Kindheit ein Sozialistischer Staat im Einflussbereich der großen Sowjetunion ist. Eben die „Tschechoslowakische Sozialistische Republik“ (CSSR): Der Großvater ist jedenfalls noch k.u.k (kaiserlich-königlicher) Obergefreiter oder Feldwebel gewesen oder zumindest so etwas ähnliches – ich kenne mich da nicht so aus, weil ich nie „gedient“ habe (jedenfalls kenne ich ein Foto, das ihn mit dem für solche Dienstgrade typischen Schnauzbart zeigt...). Er dient im Oesterreichischen Heer und ist gleichzeitig Einwohner der böhmischen Gemeinde Woratschen / Oracov im Mittelböhmischen Bezirk Podersam / Podborany, nicht weit weg von Prag. Verheiratet ist er mit Antonia, geb. Plohner aus der Nachbargemeinde Tschentschitz / Petersburg (Cerncice / Petrohrad) und die beiden fristen ein bescheidenes aber zufriedenes Leben in Woratschen. Sie haben ein kleines Häuschen, der Großvater verdient sich sein Geld im Sommer als Maurer, im Winter als Straßenmeister und die Großmutter hält den Haushalt in Ordnung und kümmert sich um die drei Kinder, Karl, Annemarie (genannt „Antsch“) und Eleonore (später „Lori“) , versorgt die Ziege, die Kuh des kleinen Mannes, und backt Brot. Nebenbei ist sie noch in der Mittelmühle in Arbeit. Und dann gibt es da noch eine Urgroßmutter, die ich naturgemäß nie kennen lernte, mit nur einem Auge, die im Leben meines Vaters wohl eine große Rolle gespielt hat.... So hat er es mir jedenfalls erzählt. Es soll eine behütete Kindheit gewesen sein, die der Bub Karl mit seinen Schwestern und seinen Freunden im Dorf erlebt hat. Ich kenne da Geschichten, die mich ahnen lassen, dass in den Kinder – und Jugendjahren von Karl „viel los“ war. Vor allem mit seinem Freund „Peppi“, dem Buben vom Mittelmüller mit dem schönen böhmischen Namen „Mrazek“, hat er viel erlebt. Und als die beiden sich im höheren Alter endlich wieder gefunden haben, bleibt kein Auge trocken vor Wiedersehensfreude und dem Erzählen alter Geschichten.

Aber jede Kindheit geht zu Ende und es kommt der Tag des Schulabschlusses auf der Bürgerschule in Jechnitz / Jesenice und damit der Beginn der Lehrzeit bei einem Bäckermeister Kuhn in Kriegern /Kryry, ein paar Dörfer weiter aber immerhin so weit weg von daheim, dass ein tägliches Heimkommen unmöglich ist. Und so muss der 15-jährige Lehrling beim Herrn Meister und der Frau Meisterin sein zuhause finden. Sicher ist es ihm schwer gefallen, die behütete Umgebung seiner Heimat aufzugeben, ist er doch mit Leib und Seele gern daheim in Woratschen. Der Rest der Lehrzeit ist schnell erzählt: Früh am Morgen aufstehen, Mehlsäcke schleppen, Teig kneten, Brot schieben und womöglich die fertige Ware auch noch ausliefern an die Leute, die sich das leisten können.
So mag es eine Erleichterung sein, als im Jahr 1938 das NS-Regime die „sudetendeutschen Gebiete“ dem „Reich“ einverleibt und plötzlich ist der Karl ein „Reichsdeutscher“ und alle Chancen stehen ihm offen. Er ist clever, lässt den Bäckerberuf saussen und geht zur Reichspost als Fernmeldemechaniker, wie man heute vielleicht sagen würde. Berlin ist das Ziel der Wünsche! Man stelle sich vor: Der junge Karl aus Woratschen im „Sudetengau“ ist plötzlich in der Reichshauptstadt mit ihren Millionen von Einwohnern !!!!! Dort wird er dann auch bald „eingezogen“ zur „Wehrmacht“. Mit Glück entgeht er als „Volksdeutscher“ der Einberufung zur „Waffen-SS“ und kommt zur normalen Truppe. „Nachrichtenregiment 40“ - lautet von nun an seine Feldpostnummer. Und dann geht es schon bald ab in den Krieg. Frankreich, Russland, Jugoslawien, wieder Frankreich – das sind grob seine Stationen kreuz und quer durch Europa, immer im Dienst eines verbrecherischen Systems. Aber er hat einen Eid abgelegt auf den „GRÖFAZ“, den „Größten Feldherrn aller Zeiten“. Und so heißt es denn durchhalten, fast bis zuletzt........
Zwischendurch ist aber mal Ruhezeit in Oelsnitz im Vogtland, für den Karl bis dato sicher ein „böhmisches“ (oder vogtländisches ???) Dorf............
Da ist er einquartiert – Privatquartier – bei der Familie Beissert in der Bachstrasse 23. Immerhin ist er inzwischen „Stabsgefreiter“ und da steht ihm ein solches Quartier wohl zu. Interessant ist nur, dass nebenan eine Familie Passolt wohnt und es da eine hübsche Haustochter im Alter von niedlichen 20 Jahren gibt. Der lohnt es wohl, den Hof zu machen und ab und an mal ein Blümchen vorbei zu bringen. (Ei, 30 Jahre später habe ich selbiges an ganz anderer Stelle auch getan!!) So ergibt eins das andere, aus Karl und Elisabeth wird zunächst ein Braut- und später 1943 ein Ehepaar. Einzelheiten deckt der gnädige Mantel der Geschichte zu..............

Immer noch ist Krieg und keiner kann wissen, ob Karl wieder lebendig und gesund aus diesem zweifelhaften Abenteuer zurück kommt. Die beiden haben es trotzdem riskiert. Am Ende geht es gut, der Karl entlässt sich
selber in Wuppertal aus der Wehrmacht, fährt mit einem „requirierten“ Fahrrad von dort aus quer durch alle Front- und Besatzungslinien „heim“ nach Oelsnitz, um dort mit seiner Elisabeth eine Bäckerei in der Georg- später Walther -Rathenau – Str. zu betreiben, die aber letztendlich auch enteignet wird, da die Elisabeth Flüchtlinge ohne Lebensmittelkarten durchfüttert. Dort riskiere ich im Jahr 1948 meine ersten Blicke in die damals gar nicht so unkomplizierte Welt. Es ist Nachkriegszeit, den Leuten geht es nicht so gut und letztlich habe ich Glück, dass es Verwandte in Amerika gibt, die ab und an Pakete mit Lebensmitteln schicken.So werde ich groß und stark und bin nun in Oelsnitz daheim. Vater ist kein Bäckermeister mehr, sondern geht bei der Reichsbahn auf dem Bauzug seiner Arbeit nach, was bedeutet, dass ich ihn nur an einem Tag in der Woche mal kurz sehen kann. Sonst ist er unterwegs in „Klein-Texas“ im Erzgebirge bei Johanngeorgenstadt, wo die „Wismut“ wütet und Uran abbauen lässt für Stalins Atombombe. Der Wahnsinn soll ja weiter gehen – 50 Millionen Tote sind noch lange nicht genug........
Gleise abbauen, um die Schienen in die Sowjetunion zu bringen als Reparationsleistung und gleichzeitig Gleise neu verlegen, um die abgebauten Bodenschätze in eben jenes Land zu bringen wie man mir erzählt hat, sogar teilweise in russischer Breitspur um das leidige „Umspuren“ in Brest-Litowsk zu vermeiden. Den Rest meiner frühen Kindheit verbringe ich mit der Mutter und bis 1954 mit der Oma Katharina, genannt „Linna“ , die mich in die biblischen Geschichten einführt und mir tolle Geschichten von Jesus und seinen Freunden erzählt. Es folgt meine Schulzeit, ohne Pionierhalstuch, entgegen dem damaligen Brauch. Auch der „Freien Deutschen Jugend „ (FDJ) will ich nicht beitreten und versuche, meinen Weg außerhalb der gültigen Normen zu gehen. Selbst als ich in der 9.Klasse der Schule verwiesen werden soll, weil ich nicht „konform“ gehe, riskiere ich das mit Hilfe meiner Eltern, die treu zu mir halten und kann letztendlich wenigstens die „Mittlere Reife“ ablegen, die mich dazu berechtigt, ein Fachschulstudium aufzunehmen.
Und da bewahrheitet sich die alte Weisheit: Wer zu Gott Ja sagt, zu dem tut er es auch!

Sybille

Hubert Schierl

Wir sind mal wieder in Siebenbürgen, Anne und ich. Wir schreiben 2005, es ist September und damit beste Traubenlesezeit. Gern fahren wir dorthin, wenn der große Trubel vorbei ist und wir die wenigen Martinsdorfer, die es noch gibt, für uns haben können. Dann kann man in Ruhe mal über etwas reden. Beileibe nicht nur über vergangene Dinge, nein, wir wollen wissen, wie es den Leuten aktuell geht und wo wir eventuell helfend eingreifen können. Oft sind es ja die ganz kleinen Dinge, an die keiner denkt, die aber gemacht werden müssen. Und wenn es mal ein paar Tabletten sind, die da gerade jemand braucht. Nun ja, es ist wieder recht schön, das Wetter stimmt auch und wir fühlen uns wohl in Annes alter Heimat.

Am Sonntag soll Gottesdienst sein in der Martinsdorfer Kirche und es soll einePfarrerin aus Mediasch kommen. Martinsdorf hat ja schon lange keinen Pfarrer mehr, die Strukturen haben sich radikal geändert, alles geschieht nur noch über Mediasch und die dortigen Pfarrer haben alle Hände voll zu tun, die vielen Landgemeinden regelmäßig zu betreuen. Aber mit ganz großer Treue und mit ganz viel persönlichem Engagement schaffen es die wenigen Mitarbeiter immer wieder, dass sie alle Gemeindeglieder sammeln und am Gottesdienst teilhaben lassen. So bringt die Pfarrerin eben einfach auch Gemeindeglieder aus Rosch mit nach Martinsdorf und ganz selbstverständlich lassen die Leute sich das gefallen. Man hat sich eingefunden in die Diaspora-Situation. Etwa 30 Mitglieder zählt die Evangelische Kirchgemeinde A.B. in Martinsdorf noch. Für uns eine Situation, die wir nur schwer verkraften können. Haben wir doch diesen Ort noch immer als eine blühende sächsische Gemeinde in unserem Gedächtnis................
Und diese Bilder gehen nur ganz schwer wieder aus dem Kopf. Nun, es ist, wie es ist, wir treffen uns - (wie immer schon vor dem Glockenläuten ) - vor dem Gottesdienst, stehen noch ein wenig auf dem Schulhof vor der Kirche herum und warten, wer da kommen wird – da fällt uns ein kleines Mädchen auf. Anderthalb Jahre mag die Kleine alt sein. Sie ist sehr hübsch zurecht gemacht, ein niedliches Kind eben. Etwas abseits hält sich ein junger Mann auf, offensichtlich der Vater, denn er ruft sie manchmal beim Namen : „Sibylle“

Wir denken uns nichts dabei und gehen in die Kirche, der Gottesdienst soll nun beginnen. Und da geschieht etwas sehr sonderbares: Dieses kleine Mädchen, von dem wir inzwischen wissen, dass es Sibylle heißt, schlängelt sich durch die Kirchenbänke bis hin zu Anne, bleibt kurz stehen und wartet, was geschieht. Freilich kann Anne nicht anders, als das kleine Wesen aufzunehmen und auf ihren Schoß zu setzen. Und da sitzt sie nun, die kleine Hübsche, schaut munter um sich, blättert im Gesangbuch und ist ein wahres „Musterkind“ im Gottesdienst. Derweil hält die Frau Pfarrerin ihre Predigt – später erfahren wir, dass es eine ihrer ersten in Martinsdorf war – und der Gottesdienst geht zu Ende. Immer noch sitzt das kleine Mädchen auf Annes Schoß und will sich gar nicht trennen. Aber wir müssen die Kirche irgendwann mal verlassen und ich sage zu Anne:
„Entweder haben wir jetzt 50 Euro oder wir haben ein Problem“- worauf Anne meint:
„50 Euro haben wir aber nicht.......!!!“ Und das ist der Anfang einer langen Geschichte, die wir von nun an gemeinsam mit Sibylle schreiben werden. 

Und nach und nach erfahren wir die wahre Geschichte: Da müssen wir zurück in das Jahr 1988. Helmut – der spätere Vater von Sibylle – ist ein ganz junger Mann und er will in die
Freiheit. Bei seiner Tätigkeit als Schneider in einer Hermannstädter Firma, die für den Westen arbeitet, stellt er immer wieder fest, wie gut die Manager aus dem Westen gekleidet
sind und wie sie großzügig mit Geld umgehen können. Dabei ist er selber ziemlich arm und seine Familie in Rosch ist noch ärmer. Was liegt also näher für den jungen Mann, als dem vermeintlichen Reichtum nachzureisen. Und so liegt der Gedanke nahe: „Da, wo es das Geld gibt, willst du auch hin...“
Es ist der 23. August 1988, der rumänische Nationalfeiertag. An eben diesem Tag haben die rumänischen Truppen im Jahr 1944 die Front gewechselt und waren von den Deutschen zu den Russen übergewechselt, haben die Karabiner umgedreht, haben ihren König in die Wüste geschickt und feiern diesen Tag nunmehr als den Tag der „Befreiung“. Es ist der größte Nationalfeiertag in Rumänien, Ceausescu hat Jubel angesagt und befohlen........
Diesen Tag wählt sich Helmut, um heimlich über die Grenze nach Jugoslawien zu verschwinden. Er meint, dass die rumänischen Grenzbeamten an diesem Tag sowieso nur feiern und saufen und er im Schatten dieser Feierlichkeiten ungehindert über die Donau nach Serbien kommen könnte. So versucht er es halt. Ohne Landkarte und Ortskenntnis und vor allem ohne die Fähigkeit zum Schwimmen. Das hat er nie gelernt. Er wird natürlich „geschnappt“. Es gibt auch in Rumänien genügend „Grenzhelfer“, die ganz genau darauf achten, wer im Grenzgebiet sein darf und wer nicht. Die Stunden nach seiner Festnahme sind schrecklich. Zunächst fesselt man ihn irgendwo in einer Grenzwache an ein Bettgestell, dann kommt die „Securitate“ und nimmt ihn mit. Zunächst hat er keine Ahnung, wo er sich befindet, wird nur immer wieder verhört und geprügelt und die Securitate – Leute machen es besonders infam: Sie lassen ihn von Mitgefangenen verhauen, von Leuten also, die es auch versucht hatten, über die Grenze zu kommen oder noch schlimmere Dinge auf ihrem Kerbholz haben, richtige Verbrecher, vielleicht auch Mörder. Sein persönlicher Nachteil: Er ist Deutscher (Siebenbürger Sachse) und deswegen bei den Rumänen schon von Natur aus ziemlich mies angesehen. Man beschimpft ihn als „Hitleristen“, der Hass ist zügellos und als er das nicht möchte, gibt es erneut Prügel........ 
Am Ende landet er in Jilava im Securitate-Gefängnis und muss dort bleiben, bis man ihn, schwer geschädigt, nach Hause entlässt. Dort müssen erst einmal seine zerschundenen Füße und der geprügelte Rücken behandelt werden, aber um seine zerschundene Seele kümmert sich niemand............... 
So ist der Weg in die Psychiatrische Klinik Hermannstadt nicht sehr weit. Immer wieder muss er da behandelt werden, aber keiner hilft ihm wirklich, das Trauma seiner Haft zu verarbeiten. Im Gegenteil: Die „Ärzte“ testen an ihm irgendwelche Psychopharmaka im Auftrag westlicher Firmen. Selbst während und gerade nach der „Wende“ ist er noch immer das Versuchskaninchen im Auftrag internationaler Pharmakonzerne. Keiner sagt es ihm, aber irgendwie spürt er es doch. So mag es für ihn ein Segen sein, dass er Christina kennen lernt, die später die Mutter von Sibylle sein wird, eben dem Mädchen, das wir in der Kirche von Martinsdorf kennen lernen. Es hätte alles wohl auch sehr schön sein können. Wenn nicht die „Mutter“ Christina ihr Baby im Alter von gerade mal 6 Monaten einfach im Stich gelassen und sich unbekannten Ortes entfernt hätte. (Später werden wir erfahren, dass es da noch andere Kinder gibt, die sie samt und sonders der staatlichen Obhut übergeben hatte.) Nun ist er allein mit seinem Kind und mit seiner Behinderung. Lange kann das nicht gut gehen und so ist es ein Segen, dass die Hausärztin, die gleich nebenan ihre Praxis hat, sich der beiden annimmt. Von Stund`an wird Sibylle nun frühmorgens aus dem Fenster der Wohnung ihres Vaters gereicht, wird bei der Ärztin gewaschen, versorgt, mit einem Frühstück versehen und von der Sprechstundenhilfe per Fahrrad und mit Hilfe einer Obstklappkiste in den Kindergarten im Nachbarort gefahren. Helmut kann derweil seinen Cocktail an Psychopharmaka ausschlafen.............
So geht das eine gute Weile, bis wir wieder da sind und gemeinsam mit der Ärztin festlegen, dass es so nicht wirklich weiter gehen kann. Denn: Was wäre wenn............ 
...der Helmut mal wirklich austickt ???????????????
...er seine Pflichten grob übersieht ????????????????
...er sein Kind nicht mehr ernähren kann ??????????
Von der Zeit an wohnt Sibylle in der Arztpraxis und Helmut muss damit leben lernen. Für das Kind ist es gut. Wir haben einen Vertrag gemacht. Und wir geben uns alle Mühe, dafür zu sorgen, dass es dem kleinen Mädchen an nichts fehlt. Immer wieder schicken wir mit dem Buspaketdienst von „Atlassib“ Pakete mit Nahrungsmitteln und Kleidung für die kleine Sibylle und freuen uns, dass wir an ihrer Entwicklung Anteil haben dürfen. So geht das über die Zeit. Irgendwann kommt Helmut mit seiner Tochter über Weihnachten zu uns. Sibylle ist inzwischen drei Jahre alt und spricht kein Wort deutsch. 
Da kommen wir auf die Idee, sie nach Weihnachten im Kindergarten unserer Enkelkinder Elisabeth und Maximilian für eine Woche anzumelden. Und siehe da, bereits nach zwei, drei Tagen kann selbst ich mich mit diesem Kind unterhalten. Sie kann es !! Wahnsinn, wie schnell Kinder lernen !!!!!!!!!!!!!
Ab diesem Zeitpunkt steht für uns fest: Sibylle muss irgendwann mal auf eine deutsche Schule gehen. Wir wissen, dass es solche in Rumänien gibt, aber wir wissen nicht genau wo. Und so ist es wohl Fügung, dass ich eines schönen Tages in Martinsdorf bei unserer lieben Freundin Hanni zum Kaffee sitze und mir gegenüber eine Frau, die ich für eine Urlauberin halte. „Nein“, sagt sie, „ich bin Grundschullehrerin in Alzen“, das ist eine Gemeinde im Harbachtal, etwa 20 Kilometer von Martinsdorf und Rosch entfernt. Nun ist natürlich klar, was wir wollen: Wir möchten Sibylle auf diese deutsche Schule schicken und zu genau dieser Lehrerin, Frau Müller, die sich der Kinder in besonderer Weise annimmt. Und siehe da, es gelingt uns. Sibylle wird wenige Tage vor ihrem 6. Geburtstag in Alzen in die erste Klasse der deutschen Abteilung der Grundschule eingeschult. Was für eine Freude!!! Von da an sind Sibylle und Frau Müller ein eingeschworenes Team! 

So geht das bis zum Abschluss der 4. Klasse. In den Sommerferien ist Sibylle nun auch ohne den Vater bei uns und wir haben mit all den anderen Enkelkindern recht viel Spaß. Freilich gibt es in Hermannstadt immer wieder Zoff mit dem Jugendamt. Plötzlich soll die Mutter, die ihr Kind einfach im Stich gelassen hatte, wieder gewisse Rechte erhalten, keiner weiß wirklich was gehauen und gestochen ist und Anne verbringt eine geschlagene Woche auf dem rumänischen Jugendamt, um dafür zu streiten, dass Sibylle bei der Ärztin, Tante Ileana, bleiben darf. Es sind schlimme Stunden und Urlaub wäre ganz etwas anderes... Am Ende dürfen wir sie wieder mitnehmen zu uns nach Deutschland, wo sie sich doch auch wie zuhause fühlt und ein wenig von dem ganzen Stress erholen kann. Unsere Enkelkinder sorgen immer wieder dafür. Sie haben einander einfach lieb.

Besuch aus Siebenbürgen

von Hubert Schierl

Fast ein Jahr sind Anne und ich nun schon verheiratet. Mein Vikariat in der Plauener Markuskirche habe ich im wesentlichen mit dem Einbau der großen Kirchenfenster zugebracht. Taufen und Trauungen darf ich noch nicht vollziehen, da ich noch nicht ordiniert und damit noch kein „richtiger“ Pfarrer bin und an die Beerdigungen läßt mich mein Chef auch nicht ran. Also lerne ich Kirchenfenster einzubauen... Zumindest der Kirchgemeinde bringt das einen billigen Handlanger ein. Auch die Ausbildung zum Katecheten (d.h. für die Erteilung des kirchlichen Religionsunterrichtes) bei der Frau Bezirkskatechetin Fritzsche (manchmal nennen wir sie auch „Bezirkskatastrophe“, weil sie uns ganz schön scheuchen kann und ganz toll schrecklich mit ihrem Diensttrabi durch die Kante fährt, vor allem um die Rechtskurven !!.), habe ich absolviert, jeweils ein halbes Jahr Zeit, um das „Handwerkszeug“ für ein Pfarrerleben zu erlernen – eigentlich schon Wanhsinn....!!!!! Aber wie hat mal einer mein er alten Lehrer in Oelsnitz vor Jahren gesagt ? „Wissen heißt wissen, wo's steht“! Und das habe ich mir gemerkt !!!!
Die Einzimmerwohnung bei der Pfarrerwitwe Brunner in Plauen mußten wir für den nächsten Vikar räumen und so sind wir vorübergehend in Oelsnitz bei den Eltern untergekommen, bis wir was Eigenes – unsere erste Pfarrstelle – kriegen. Das ist auch gut so, denn in den nächsten Wochen soll unser erstes Kind zur Welt kommen und da ist es schon ganz gut, wenn die junge Mutter ein wenig Beistand hat, zumal für mich zum Ende des Sommers die Ausbildung in Leipzig auf dem Predigercolleg St. Pauli weitergehen soll. Da denkt der Mensch, mit 7 (sieben) Jahren Studium ist es genug – falsch gedacht. Jetzt geht das alles nochmal los..... Das zweite Examen wartet und das wird vor den Gremien der Landeskirche, d.h. vor dem Herrn Landesbischof und seinen Oberlandeskirchenräten abgelegt. Eine Diensteignungsprüfung ist das sozusagen. Und dafür muß natürlich nochmal „gepaukt“ werden, denn die Herren aus dem Landeskirchenamt wollen es schon noch einmal genau wissen, was die Kandidaten für das Predigtamt auf ihren jeweiligen Hochschulen gelernt haben. Auch Latein, Griechisch und Hebräisch stehen auf der Agenda!!! Deshalb dieses halbe Jahr in Leipzig.

Damit für Anne die Trennungszeit nicht gar zu schwer sein wird, hat sich Vater Hans aus Siebenbürgen zum Besuch angesagt und will den „kleinen“ Hans auch mitbringen. Immerhin wollen die beiden schon mal nachschauen, wo die Tochter und große Schwester denn nun untergekommen ist. Es ist Ferienzeit und die beiden haben es geschafft, den Pass in die DDR zu bekommen. So darf ich sie schließlich in Dresden vom Balt-Orient-Express abholen. Schon bald auf der Heimfahrt spüre ich jedoch, dass es dem Vater Hans gar nicht so recht gut geht. Öfter mal muß ich unterwegs eine kleine Pause einlegen, er will aussteigen und sich die Beine
vertreten, wie er sagt. Ich schiebe es auf die Strapazen der Reise und die stressige Zeit vorher. Aber auch in Oelsnitz, nachdem er sich ausruhen konnte, will sein Zustand sich nicht wirklich ändern. Und dabei hatte er sich eigentlich nur gewünscht, einmal Bockwurst zu essen und Bier zu trinken bis zum Abwinken, denn diese Delikatessen gab es in Siebenbürgen nur ganz selten und wenn ja, auch nur in minderwertiger Qualität. Trotzdem gehen wir am Abend mal in die Kneipe um die Ecke, aber nach der einen Bockwurst ist schon Schluß, er mag nicht mehr. Ein wenig mehr Glück hat der „kleine“ Hans, 11 Jahre alt und ein cleveres Bürschlein. Ihn haben wir mitgenommen ins Wirtshaus zu Bockwurst und Sprudel und siehe da, am Nachbartisch sitzt der Hans Methner, der Tankstellenbesitzer und Propangasfachmann. Und dem fällt der junge Bursche auf. Spontan bekommt der „kleine“ Hans Löprich aus Martinsdorf eine Einladung, den „großen“ Hans Methner aus Oelsnitz doch mal in seiner Tankstelle zu besuchen, weil sie eben beide HANS heissen. Daraus wird sich eine innige Freundschaft entwickeln....
Um den Vater müssen wir uns allerdings große Sorgen machen. Von Tag zu Tag wird sein Zustand bedenklicher. Er kann nichts essen, hat keinerlei Freude an dem, was er erlebt und wird immer apathischer.. Letztendlich muß er zum Doktor. Ein Glück, dass es ein Gesundheitsabkommen zwischen Rumänien und der DDR gibt und wir in Oelsnitz so viele Leute kennen..... Am Ende landet der Vater Hans im Kreiskrankenhaus Oelsnitz auf dem Kirchberg gleich neben der Katholischen Kirche. Die Ärzte nehmen sich seiner mit besonderer Hingabe an, kommt es doch nicht alle Tage vor, dass ein „Ausländer“, der obendrein noch perfekt deutsch sprechen kann, in Oelsnitz behandelt wird.....
Alle damals nur mögliche Diagnostik wird gemacht und die Ärzte sind der Meinung, da sollte man mal nachschauen, indem man den Bauch einfach aufmacht. Aber der Patient weigert sich. Wenn schon Operation, dann nur zuhause und in Anwesenheit seiner Frau. Also haben die Doc's keine Chance, sie können ihn nur bis an die Halskrause mit Antibiotika abfüllen und so sein Leben bewahren. Inzwischen bin ich längst in Leipzig auf dem Predigercolleg und kann nur sporadisch über das Wochenende in Oelsnitz sein. Auch rückt der Geburtstermin für unser erstes Baby immer näher. Anne besucht ihren Vater jeden Tag im Krankenhaus, steht ihm bei, so gut sie in ihrem Zustand kann, es ist eine große Belastung für sie und die ganze Familie. Mutter Anna in Martinsdorf ist abgeschnitten vom Geschehen und soll dort die Dinge am Laufen halten. Da ist es ein großer Segen, dass der „kleine“ Hans bei Methners Hans gut untergebracht ist. Die beiden Hansen unternehmen fast jeden Tag eine Tour mit dem „Gaswagen“, d.h. sie liefern Propangasflaschen bis nach Bad Brambach, kehren unterwegs in der „Käs' burg“ ein und haben so ihre Beschäftigung. Es kommt Freitag, der 20. September 1974 und Anne muß zur Entbindung nach Plauen. Zum Glück ist die Hebamme eine gute Freundin und Pfarrfrau aus Taltitz, so wissen wir Anne auch da gut aufgehoben. Ein gesundes munteres Baby, unser Sebastian, kommt zur Welt. Aber ich bin weit weg vom Geschehen und bekomme kaum Sonderprivilegien eingeräumt. Schließlich ist Kinderkriegen ja was ganz Normales. Um die Begleitumstände weiß in dem Moment keiner so recht Bescheid. So kann ich auch am Geburtstag unseres ersten Sohnes nur etwas vor sieben Uhr abends in Plauen sein, um dann durch diese dumme Glasscheibe mit dem Storchenvorhang zu schauen auf ein kleines Bündel Mensch, das ich nicht erkennen kann. Hinter mir stehen und drängeln sich viele andere Leute, teils höher gestellte Menschen in Uniform der ruhmreichen Sowjetarmee,nach Machorka und Wodka duftend , deren Frauen, Töchter und
Schwiegertöchter auch da entbunden haben und ich weiß nicht recht, wer eigentlich mein erster Sohn ist........(Das wird sich zum Glück später ändern !!!!) Entsprechend schlecht geht es dem Vater Hans und ob er wirklich realisiert hat, dass er Großvater wurde, wissen wir nicht. Jedenfalls wird sein Zustand immer bedenklicher. Frau Dr. Renz mahnt zur Operation, aber da geht gar nichts. So bleibt uns nur, den Vater so schnell wie möglich nach Rumänien zu bringen, denn er hat sich vorgenommen, nur dort zu sterben. Vorher werde ich natürlich für den „kleinen“ Hans noch einen Extra-Reisepass bei der rumänischen Botschaft in Ostberlin besorgen und deshalb fahre ich auch noch einmal ganz kurz nach Pankow und besorge dieses Dokument. Nun steht der Heimreise nichts mehr im Wege. Der Hug Hageni kommt mit seinem inzwischen erneuerten Moskwitsch und fährt den Vater liegend nach Dresden, von wo aus wir einen Schlafwagenplatz für ihn und den „kleinen“ Hans reserviert haben. Es geht alles gut. Vater kommt in das Abteil, der Zug fährt los und wir müssen ihn buchstäblich „loslassen“. 

Von da ab wissen wir erst mal nichts mehr.
 Es ist wie bei der Weltraumfahrt: Bist du erst mal weg von der Erde kommt eine Zeit der Funkstille. Die nächste Nachricht erreicht uns nach vielen Stunden aus Oradea in Rumänien, das ist die erste Stadt nach der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien. Den Vater hat man als Notfall dort „ausgeladen“, in ein Krankenhaus verbracht und die Mutter ist da. Der „kleine“ Hans fährt offensichtlich weiter, weil er ja zur Schule soll. Die Auflösung des Dramas ist eine BLINDDARMENTZÜNDUNG. Ein rumänischer Arzt operiert notfallmäßig und stellt fest, dass der Blinddarm des Patienten sich entgegen aller Anatomie hinter der Galle versteckt hatte. Zum Glück hatten die Oelsnitzer Ärzte ihren Patienten mit Antibiotika bestens versorgt...........................
Die Rekonvaleszens des Vaters erstreckt sich über viele Monate. Aber er wird schon wieder fast der Alte: „Das größte Eichhörnchen von ganz Rumänien“. Wir werden noch viel Spaß mit ihm haben und er wird uns noch die eine oder andere Lehre erteilen können.
Ein Glück, dass es die Ärzte in Oelsnitz und Oradea gegeben hat.......................

Sonntag, 24. November 2013

Die Katze Maunz



Es ist wohl so Ende der 70-er Jahre, unsere zwei „Großen“ - aber das wissen wir damals ja noch nicht, weil an den Benjamin noch keiner denken konnte - also, unsere zwei Großen toben in der Wohnung herum.
Dank unserer großen Diele können sie sich dort auch austoben, indem sie mit den Dreirädern, die sie sich aus dem Westen mitgebracht haben, immer wieder um den großen ovalen Tisch fahren, der an so manchem Sonntag so viele Gäste gesehen hat. Schön ist das, wenn nach dem Gottesdienst ein paar Leute sagen: Ach, wir haben noch was im Kühlschrank, wir auch und wir auch............. lasst uns das zusammentun, eine Soljanka gibt es allemal...........


Und so ist am Sonntag nach dem Gottesdienst immer allerhand los im Straßberger Pfarrhaus. Unsere Freunde aus der Markusgemeinde in Plauen sind meist noch unverheiratet und damit auch ohne Kinder, so bietet sich das Pfarrhaus zu Straßberg einfach an. Wir hocken zusammen, essen unsere Mahlzeit und freuen uns, dass wir miteinander reden können.Wir sprechen über das, was uns an dem Land, in dem wir leben, nicht gefällt und darüber, wie wir es besser machen könnten. Unsere Kinder werden von allen geliebt und manchmal bleibt auch jemand über Nacht und das ist gut so.
Mitten in dieser herrlichen Idylle taucht doch eines Tages ein junges Kätzchen bei uns auf. Irgendwie hat sie den Weg in die erste Etage geschafft und steht nun plötzlich in unserer Diele vor der Tür zur Küche, maunzt ein paarmal und verschafft sich ob ihres lieben Gesichtes sofort Eintritt in die heiligen Hallen der Hausfrau. Schwarz mit einem ganz freundlichen Gesicht, so präsentiert sich uns dieses kleine Kätzchen. Wer vermag ein solch niedliches Tierchen wieder dem „grausamen Alltag“ anheimzugeben ? Also bekommt „Maunz“ zunächst mal ein Schälchen Milch, um den ersten Hunger zu stillen. Und genau das ist der „Fehler“, denn die liebe Maunz belässt es nicht bei der einen Schale Milch, sie will mehr, sie will ein Zuhause. Und so sehr wir uns bemühen, dieses liebe Tierchen wieder los zu werden – das wird nichts. Keiner will sie gesehen haben im Dorf, keinem soll sie gehören, also bleibt sie da.
Die Kinder sind begeistert und so hat „Maunz“ ihren festen Platz als Pastorenkatze zu Straßberg, schon mal wegen ihres weißen Lätzchens auf dem schwarzen „Talar“, und damit alle Chancen, sich zur „First-Lady“ in Katzenkreisen in Straßberg zu entwickeln – was sie späterhin auch weidlich ausnutzt....................
Die beiden „Großen“ dürfen zunächst so ziemlich alles mit ihr anstellen. Natürlich muss die Katze mit ins Bett, natürlich darf sie mit auf den Dreirädern fahren und ganz natürlich kommt sie später mit auf den Kletterbaum, den die Großen sich im Pfarrhof „ausgeguckt“ haben.
Wohl deshalb übt Maunz später mit ihren eigenen Kindern das Bäume-Klettern. Aber dazu nachher....
Ja, der Kletterbaum: Das ist ein wilder Apfel, der sich an der Grundstücksgrenze angesiedelt hat und von den Kindern dazu erkoren wurde, ihr zweites Zuhause zu sein. Jede freie Minute verbringen sie dort, nageln sich aus altem Holz Leitern zum besteigen, bauen Zwischenböden ein – drei Etagen sind es wohl zuletzt - überdachen das alles kunstvoll mit allem, was sie an geeignetem Material finden und immer wenn die Nägel knapp werden, muss ich mit ihnen nach Oelsnitz zum Großvater fahren – Nachschub besorgen. Der Opa Karl steigt dann in seinen Schuppen und holt aus seinen unergründlichen Schachteln immer neues Nagelgut, sei es denn auch schon etwas verbogen und verrostet. Das wird dann gemeinschaftlich gerichtet. Da sind Großvater und Enkel eine eingeschworene Gemeinschaft. Und wenn es bei ihm selber mal knapp wird, besorgt er eben neue Nägel. So besteht der Kletterbaum zuletzt gefühlt wohl zur guten Hälfte aus Metall, überlebt es aber auf wundersame Weise und bringt jedes Jahr herrliche goldgelbe kleine Äpfelchen, die uns zum Erntedankfest immer wieder als Kirchenschmuck dienen. Genießbar sind sie eher nicht !
Leider hat man später dieses „Denkmal“ abgeholzt und somit einen „Stolperstein“ in der Geschichte der Straßberger Pfarrerskinder beseitigt. 

 Als die Großen zu guter Letzt sich noch einen „Ofen“ einbauen und den dann auch noch mit

großem Qualm in Betrieb nehmen, muss ich die Notbremse ziehen und mittels Gartenschlauch die Geschichte beenden, bevor das gesamte Anwesen in Flammen steht.
Aber zurück zur „Maunz“: Aus Kätzchen wird Katze, aus zwei Kindern werden drei, der Benjamin ist auch da und macht aus den „Großen“ die „ganz großen“ Brüder und die haben ihn derart lieb, dass der kleine Mann nur durch Zeichensprache kundtun muss, welches sein Begehr ist. Darauf wird ihm buchstäblich jeder Wunsch erfüllt.


Es wundert also nicht, dass er erst ziemlich verspätet mit dem Reden und Laufen beginnt. Er hat es einfach nicht nötig..........
Maunz hingegen bekommt es schon ganz schön „nötig“ und ehe wir uns versehen, beglückt sie uns mit ihrem ersten Nachwuchs.


Zum Glück ist der Benjamin dem Stubenwagen, in dem ich selber schon meine ersten Monate verbrachte und der auch den „Großen“ als erste Behausung diente, inzwischen frei geworden und so wählt sich die werdende Katzenmutter ausgerechnet dieses Teil, das inzwischen auf dem Wäscheboden steht, zur Kinderstube für ihre Jungen.
Allerdings wartet sie dann doch – wie jedes mal, wenn sie in „Kindsnöten“ ist - auf meine liebe Frau, die sozusagen zur Katzenhebamme wird, um den Nachwuchs auch ganz sicher auf die Welt zu bringen.
So wird die Mutter der Kirchgemeinde auch noch zur „Katzengroßmutter“. Das Vertrauen eines Tieres in uns Menschen macht schon tiefen Eindruck.
So sind wir nun also eine Großfamilie. Neben unseren Kindern haben wir noch eine kleine Schar an jungen Katzenkindern, die wir auch betreuen müssen.
Obwohl Maunz es uns da recht leicht macht. Sie kann ihren Nachwuchs recht gut selber erziehen und ich denke an die Begebenheit, als sie mit ihrer Kinderschar die beiden Etagen nach unten geht und dem Nachwuchs den Hof zeigt. Die Kleinen tummeln sich vor der Haustür im Sonnenschein, freuen sich ihres Lebens, bis eines auf die Idee kommt, das die dort wachsende Kastanie doch auch für Katzenkinder ein guter Lebensraum oder Lebensbaum sein könnte.
Und wo ein Katzenkind ist, sind die anderen auch, zum Schluss sitzen sie alle in einer Astgabel und trauen sich nicht mehr zurück auf die Erde. Mutter Maunz sitzt unten und ist zunächst ratlos. Wir können ihr auch nicht helfen, denn selbst für uns ist die Astgabel zu hoch und die Leiter reicht auch nicht.. So vergehen bange Minuten. Wir sind schon drauf und dran, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und sonst wen anzurufen, da nimmt „Mutter Maunz“ all ihren Mut zusammen, klettert auf den Baum und holt eins nach dem andern von ihren Kindern im „Rückwärtsgang“ wieder runter. Unten angekommen versammelt sie ihre Kinderschar um sich und dann geschieht, was jeder menschlichen Mutter zur Ehre gereichen würde: Eins nach dem andern der Katzenkinder bekommt eine „Ohrfeige“ mit der Vorderpfote, untermalt von knurrenden Lauten, die besagen könnten: „Das macht Ihr aber nicht noch einmal !!“
Die Kinderschar hat begriffen und derartige Vorkommnisse finden nicht mehr statt.
Spätere Kinder von Maunz kommen dann wohl gar nicht mehr auf die Idee.
So vergehen die Jahre. Jedes Jahr gibt es neue kleine Katzen und immer können wir sie gut vermitteln und dürfen uns wohl heute noch freuen, dass es Nachkommen von Maunz nicht nur in Straßberg gibt. Bestimmt sind wir schon „Katzen – Ur-Ur-Ur-Großeltern“, wenn nicht noch mehr.......
Einmal in jedem Jahr haben wir auch Urlaub und fahren in Richtung Rumänien zu den Großeltern unserer Kinder, damit die auch teilhaben können, wie unsere Kinder sich entwickeln.
Für Maunz ist das natürlich ganz großer Stress. Zwar gibt es die „Tante Ella“ im Pfarrhaus, eine gütige alte Dame, die uns, unsere Kinder und auch die jeweilige Katzenfamilie mit Großmut erträgt, die sich auch bereit erklärt, die Maunz zu versorgen, solange wir nicht im Lande sind, aber jedes Mal so zwei bis drei Tage vor unserer Heimkehr aus dem Urlaub ist die Katze spurlos verschwunden und wird erst nach Tagen oder Wochen wieder gesichtet. Sir nimmt übel, denn sie hat wohl Charakter und begreift nicht, wieso wir sie allein lassen können.

 Jedenfalls ist sie am Ende immer wieder da. hält das Grundstück mäusefrei und erfreut uns mit ihrem Nachwuchs.
Wenn wir am Wochenende unseren Kirchnerdienst versehen, sitzt sie vor der Kirchentür und wartet wie ein treuer Hund darauf, dass es wieder nach Hause geht. In die Kirche kommt sie nicht, sie weiß wohl, dass sie da nichts verloren hat.

Schließlich übersiedelt sie 1994 gemeinsam mit uns nach Klingenthal.
Dort erwartet sie natürlich ein ganz besonderes Paradies: Unsere dortige Wohnung befindet sich unmittelbar in Friedhofsnähe – für Maunz das ideale Revier, vor allem wenn es gilt „Jagd“ auf verwitwete alte Damen zu machen.
Sie lauert hinter so manchem Grabstein und wartet nur darauf, dass jemand kommt, der die Blumen gießen oder die Grabstelle pflegen möchte und sehr zum Schrecken der einen oder anderen alten Dame kommt dann hinter dem Grabstein schon mal ein schwarzes Katzenpfötchen hervor und versetzt die Grabpflegerin in Angst und Schrecken.
Auch in Klingenthal „erfreut“ uns Maunz mit ihrem Nachwuchs und ich denke daran, wie der gute Benjamin in den Taschen seines Bademantels kleine Katzenbabies spazieren trug, sehr zur Freude unserer damaligen Mitbewohner.
Auch die Rückkehr nach Straßberg, drei Jahre später, verkraftet sie gut und lebt sich in der alten Heimat wieder gut ein.
Schön langsam wird sie aber doch alt und gebrechlich. Ihre alten Spielkameraden – unsere Kinder – sind auch schon längst erwachsen und so verlässt sie uns im geschätzten Alter von 18 oder 19 Jahren, wie es so schön heißt: „Alt und lebenssatt“.

Ein kleines Denkmal wollen wir ihr aber doch setzen, hat sie uns doch immer wieder in Atem gehalten und unser Leben mit ihrem Dasein erfreut und bereichert............... 

Freitag, 7. Juni 2013

Die Reise nach dem Westen

von Hubert Schierl

Wie ist das eigentlich, wenn Du Dich eingesperrt fühlst – dummes Gefühl, oder ?
Irgendwie ging es mir in meinen früheren Jahren auch so. Ich wollte raus..... Meine Frau durfte das ja als rumänische Staatsangehörige, sie durfte in alle Richtungen reisen, keiner hatte was dagegen. Unsere Jungs durften das auch, denn auch sie waren unter den Schirm des grossen Genossen Nikolaus Ceausescu gekommen und hatten dessen Staatsangehörigkeit. So war ich nun der einzige „Ausländer“ in dieser Familie, die in der DDR lebte, aber doch nicht zugehörig war. Komisches Gefühl, das. Irgendwie lebten wir in einer Nische, die wir eigentlich nicht wollten, die uns aber doch recht gut tat. Denn Freizügigkeit war und ist ein hohes Gut. Und so recht zu schätzen weiß nur der es, der es nicht hat oder erst neu erwerben muss. So habe ich nun bis zum Jahr 1984 meine Familie auf Bahnsteig 4 in Richtung Hof verabschiedet und auf Bahnsteig 3 wieder in Empfang genommen.
Die Jungs erzählten mir, wie sie mit den DDR - Grenzern und - Zöllnern rumgealbert haben, wie sie denen erklärten, dass es beim „Onkel Ernst“ in Helmbrechts „Nutella“ gibt und ihnen zu erklären versuchten, dass sie doch auch mal dorthin fahren sollten. Wie die Genossen von der Grenze damit leben konnten, dass Kinder ihnen die Wahrheit sagten, weiss ich nicht, aber die Jungs sind mit ihrer Mutter immer wieder gut nach Hause gekommen und sie hielten das, was sie erleben durften, für ganz selbstverständlich. Sie haben die Grenze auch von der anderen Seite gesehen und wußten, wohin der Stacheldraht zeigte. So war das halt, wenn man in einer internationalen Familie lebte. Heute hätte man dafür ganz andere Begriffe: Multi-Kulti oder so...... Bis zum Jahr 1984 , wie gesagt. Dann war mir so zumute, als müsse ich auch mal auf dem Bahnsteig 4 in den Interzonenzug einsteigen dürfen und nicht nur hinterher winken müssen.
Also: Ab nach Zwickau zum Anwalt, der sich um solche Wünsche kümmerte. Normalerweise
wollten die Leute „RAUS“. Ich wollte ganz bescheiden nur mal „NACH DEM WESTEN“. Und
dann wiederkommen, zufrieden sein und weiter arbeiten............. „Ja, Herr Schierl, wir wollen lieber drei Parteisekretäre für immer gehen lassen, als einen Pfarrer zu verlieren“ - wurde mir beschieden und nachdem die Sache „durchgestellt“ war, durfte ich mir nach etwa 6 Wochen meinen ersten DDR – Reisepass in Plauen abholen. Stolz ist gar kein Ausdruck – aber solchen empfand ich doch. War ich doch endlich ein wirklich anerkannter Staatsbürger, der auch würdig war, einen Reisepass sein eigen zu nennen. Und der Gipfel: Da meine liebe Frau die etwas andere Bürgerschaft hatte, durften wir sogar mit dem eigenen PKW fahren. Ein Wartburg-Auto. Kombi, Tourist, schneeweiss mit rotem Signalstreifen. Tolles Gefährt und durchaus würdig, nach dem Westen zu fahren.  
Also los. Erste Hürde: Autobahnauffahrt Schleiz – falsche Richtung, wie der grün Uniformierte am Wachhäuschen meinte. Den habe ich gern ignoriert, weil ich denken wollte, er könne mich mal.... Einfahrt in das Grenzgebiet Blintendorf – wieder ein grün Uniformierter. „Bürger, Sie sind hier falsch !“ - „Nein, Herr Wachtmeister, wir sind hier richtig, wir haben gültige Reisedokumente....“ Weiterfahrt in die mittlere Kleinstadt „Grenzkontrollpunkt Hirschberg“. Ein Wahnsinn!!!! Der Genosse an der Einfahrt begrüßt uns mit ausgesuchter Höflichkeit und weist uns eine Fahrspur zu, auf der wir uns der Grenzkontrolle zu präsentieren haben. Der nächste Genosse nimmt seine Mütze ab und schaut erst mal nach, ob unter der Sitzbank, auf der unser damals 3-jähriger Benjamin schläft, vielleicht noch einer ist. War aber keiner da. Reisepässe werden einbehalten und verschwinden in einer ominösen Klappe, von der keiner sieht, wohin sie führt. Gut. Akzeptiert,. Mal sehen, wie das weitergeht. Es kommt der DDR-Zoll: „Bitte öffnen Sie Motorhaube und Kofferklappe – was soll zum Verbleib außerhalb der Deutschen Demokratischen Republik bestimmt sein?“ Auch der Genosse ist auffallend höflich und zuvorkommend. Benjamin schläft noch immer...Offensichtlich wissen uns die uniformierten Herren nicht wirklich einzuordnen. Junge Eheleute mit Kind und ganz gutem Auto, das so nicht jeder hat..... Gibt zu denken..... Am Ende der Kontrollstrecke bekommen wir unsere Dokumente wieder und dürfen weiterfahren auf die Saalebrücke. Der Puls ist auf 180 ! Dann der weisse Strich – der WESTEN:Rudolfstein, Grenzkontrollpunkt der Bundesrepublik Deutschland. Ein leger angezogener Beamter, ganz anders als der,der uns eben verabschiedet hat, begrüßt uns. Was wollen Sie denn hier ? Wohin wollen Sie denn ? Wollen Sie in die DDR zurückkehren und wenn ja , wann und über welchen Grenzübergang? Ja, da fahren Sie am besten gleich mal da links raus..... Und schon wieder sind unsere „Reisedokumente“ verschwunden. Diesmal hat sie der bayerische Grenzbeamte, der uns durchaus nicht sehr freundlich begrüßt. Puls ist wieder auf 180, aber diesmal anders. Es mögen 10 Minuten sein , dann kommt er wieder, der Bayer. Und siehe, es ist ein Wandel mit ihm geschehen..... Familie Schierl, Sie werden in Helmbrechts erwartet, das Kaffeewasser kocht schon und Sie sind herzlich willkommen. Wissen Sie, wie Sie zu fahren haben??
Nun ist also auch diesen Kameraden klar geworden, dass wir nicht bei der „Firma“ sind, sondern nur ein paar Exoten, die sich den Luxus erlauben, von Deutschland nach Deutschland zu fahren. 10 Tage waren wir dort und ich habe viel gelernt. Z.B. wie man einen westdeutschen Wasserhahn bedient, um sich die Hände zu waschen, z.B. dass die einzeln eingepackten Kartoffeln in Wirklichkeit „KIWI“ heissen und wie Stachelbeeren schmecken, z.B. wie das mit dem Autobahnklo funktioniert, was mir erst ein kleiner Türkenjunge zeigen mußte oder dass man nicht so einfach auf Ostfelgen Westreifen aufziehen kann, wenn man die nötige Ausrüstung dazu nicht hat. Schön war's schon. Und als wir zuletzt über Herleshausen / Eisenach das gelobte DDR-Land wieder erreichten, war es zunächst ein Hustenanfall, der mich daran erinnerte, wieder im Zweitakter- Gebiet angekommen zu sein.
Lustig war das mit der Zollkontrolle: Unser „Persil“-Karton wurde geröntgt, die Broschüren für meine Gehörlosengemeinde wurden einer hochnotpeinlichen Untersuchung unterzogen und am Ende wurde mir beschieden, ich dürfe diese Druckerzeugnisse aus der BRD in die DDR einführen. Offensichtlich hatte der Zöllner ein weites Herz für gehörlose Mitmenschen. Oder er dachte sich, dass ein „bischen Bibel“ ja nichts schaden könne. Aber vielleicht hat ihn der liebe Gott ja auch nur mit Blindheit geschlagen.....?!

Freitag, 31. Mai 2013

Martinsdorf

Martinsdorf: Evangelische Kirche
und Weißdorn (Blume des Monats Mai)

Aquarell, Mai 2013
von Agathe Wolff 

Keramik im Bäckerladen

von Hubert Schierl



Inzwischen ist es das Jahr 1988. Es ist Sommer und wir haben gerade unsere jährliche Rumänienreise absolviert. Diesmal war es besonders schlimm. Weil es in Rumänien gar keine Lebensmittel mehr gibt und wir nicht einmal das Recht haben, dort Brot zu kaufen, müssen wir alles, aber auch alles, mitnehmen. Außerdem ist Anne kürzlich noch mal schnell in Oberfranken gewesen, um Kaffee und andere gute Dinge einzukaufen, die uns den Urlaub etwas leichter machen sollen, vor allem auch in finanzieller Hinsicht.
An der Grenze hatten sie es besonders auf uns abgesehen. Erst mal 8 Stunden Stau bis wir auch an die Reihe kommen. Und dann steht da ein mehr oder minder betrunkener rumänischer Zöllner, der es richtig auf uns abgesehen hat. Also: Auto auf, Anhänger auf und alles auf so einen seltsamen Steintisch neben der Fahrspur legen. (Die anderen Reisenden freuen sich, weil sie nicht erwischt werden .) Und da kommt natürlich vieles zum Vorschein:
Salami, Butter, Mehl, Zucker, Reis, Haferflocken, Kaffee, Schokolade, Bonbons, jede Menge Klamotten, die Anne aus dem Westen besorgt hat – schon mal vorsorglich für den Winter, damit die Verwandten nicht frieren müssen. Da sind Gummistiefel, Winterschuhe, Parkas, schöne dicke Pullover.... Und obenauf noch zwei „Deutsche Standartspaten“. Das hat bisher immer geholfen am rumänischen Zoll. Wer für die Landwirtschaft was mitbringt, muß ein guter Mensch sein.... 
Diesmal klappt es nicht. Ganz unten im Auto entdeckt der besoffene Zöllner noch ein paar theologische Bücher, eine Serie mit dem Titel „Theologischer Handkommentar zur Bibel“. Das Wort „Bibel“ lößt bei ihm schiere Panik aus. „Biblii, Biblii, Biblii“ schreit er über das Gelände und nun geht es richtig los mit der Kontrolle. Am Ende sollen wir etwa 1.000.- DM (West) bezahlen. Und die Bücher will er natürlich haben. Auf meine Frage, woher ich als DDR-Bürger dieses Geld haben soll, ruft er seinen Vorgesetzten und spricht vom „Desaster“. Als ich dann gar noch verlange, mit meiner Botschaft in Bukarest zu telefonieren, brennen ihm alle Sicherungen durch und er wird unsachlich.
Es bleibt mir nichts anderes übrig: Ich packe alles wieder ein, drehe um und fahre zurück nach Ungarn. „Und wenn wir jetzt ein Jahr lang unser Brot selber backen müssen, wir fahren zurück“!! - ist mein Kommentar angesichts von so viel Mehl. Aber dann siegt die Vernunft: In Martinsdorf warten sie ja auf uns und wir können keinen Kontakt aufnehmen, weil – Handies gibt es ja noch nicht.....
Also zurück in die ungarische Grenzstadt mit dem langen unaussprechlichen Namen „Biharkeresztes“. Dort gibt es einen Kirchturm und wo ein Kirchturm ist, da gibt es auch einen Pfarrer. Der ist zwar von der „anderen Fakultät“ - sprich katholisch, aber das interessiert gar nicht. Hauptsache ein Mensch, dem wir vertrauen können. Der gute Mann ist gerade dabei, an seinen Weinreben zu arbeiten, hat einen Arm in Gips, weil er wohl von der Leiter gefallen ist, aber er spricht ein wenig deutsch und wir können ihn bitten, einen Teil unserer Sachen in Verwahrung zu nehmen, bis wir wiederkommen. So machen wir es dann auch. Die schönen Winterklamotten bleiben zunächst in Ungarn, die Bücher schenke ich ihm, weil er sagt, dass seine Gemeindehelferin das lesen kann und so starten wir zurück in Richtung Grenze.
Es ist eine Art Spießrutenlaufen, vorbei an der langen Schlange der Fahrzeuge, die über die Grenze wollen. Das Hupkonzert ist unerträglich, aber ich bin so wütend, dass es mich nicht stört. Schließlich stehe ich wieder im Kontrollbereich und siehe da: Der besoffene Zöllner hat immer noch Dienst. Also das Ganze nochmal von vorn – alles raus, alles anschauen, wieder den Vorgesetzten rufen und dann die Mitteilung: Jetzt kostet der Spaß zwar auch 1.000.- Mark, aber diesmal in Ostgeld. Wir kratzen zusammen, tauschen auf unsere Zollerklärungen das Geld, das eigentlich für den Urlaub sein sollte und dürfen endlich weiterfahren. Eine schreckliche Erfahrung, aber die Eltern und Geschwister von Anne haben auf uns gewartet.....


Diese Begebenheit ist nun vorbei, wir sind wieder zuhause und auf Anne wartet die nächste Aufgabe:  
Die Andrea, der wir vor etwa einem Jahr zur Ausreise in die Dominikanische Republik verholfen haben, hat zusammen mit ihrem Mann beschlossen, künftig in Deutschland – West zu leben. Und in der Tat ergibt sich in Bayreuth die Möglichkeit, eine Wohnung zu haben, die allerdings erst mal noch wohnlich gemacht werden muß. So bittet sie Anne darum, ob sie nicht dorthin fahren möchte, um die Dinge so vorzubereiten, dass Andrea und Carolin (die kleine Tochter), ohne Probleme da einziehen können. Antonio soll später nachkommen. (Ein Glück, dass Anne den rumänischzen Pass hat !!) Anne, Sebastian und Benjamin reisen also gen Bayreuth und ich bin mit Tobias allein zuhause.
Das alles findet ein paar Tage vor meinem 40. Geburtstag statt, den ich eigentlich ein wenig festlich begehen wollte. Aber die Pflicht hat gerufen und wie sagte der Vikariatsvater Vödisch ? „Der Pfarrer ist immer im Dienst“. So verzichte ich auf die Familie und richte mich auf einen eher einsamen Geburtstag ein.
Tobias schraubt indess an seinen diversen Mopeds herum und ich gehe den alltäglichen Pflichten nach. Es mag ein, zwei Tage vor meinem „Jubiläum“ sein, da muß ich zum Bäcker, Brot holen.
Im Bäckerladen fällt mir ein fremder Mann auf, der ziemlich gestikulierend versucht, Kontakt mit den anwesenden Kundinnen aufzunehmen. Ich sehe Keramikvasen und -teller und Glasgefäße, die mir verdächtig bekannt vorkommen. Und als ich etwas näher hinhöre, höre ich vertraute Laute in rumänischer Sprache. Da hat sich doch in der Tat ein Mensch aus Rumänien nach Straßberg verirrt und versucht, unseren Dorfdamen allerlei Dinge zu verkaufen. Die jedoch reagieren entweder gar nicht oder sehr zurückhaltend. Es kommt ja eher selten vor, dass ein Fremder unser Dorf aufsucht und dann noch ein Ausländer.......?
Ich schaue mir den Spaß eine Weile an und überlege, wie ich eingreifen könnte. Am Ende kratze ich all meinen rumänischen (zum Teil noch recht frischen) Wortschatz zusammen und beschließe, dem Mann zu helfen.Erst mal muß ich den anwesenden Frauen erklären, woher der Fremdling kommt und dann spreche ich ihn persönlich an. Ich stelle mich als Ortspfarrer vor und versuche, ihm klar zu machen, dass er eher wenig Chancen hat, seine Ware los zu werden. Der Mann ist völlig konsterniert. Damit hat er nun gar nicht gerechnet, dass er fern seiner Heimat, in unserem Dorf, in seiner Muttersprache – wenn auch mehr schlecht, als recht – angesprochen wird. Und so gibt er mir letztendlich zu verstehen, dass draußen auf dem Dorfplatz sein Sohn im Auto auf ihn wartet. Der hat sich offensichtlich nicht mit in den Bäckerladen gewagt. Also mache ich mich auf die Suche nach dem Sohn und finde ihn in einem für damalige Verhältnisse ganz tollen Dacia – Auto draussen auf dem Platz. Auch ihn versuche ich in rumänischer Sprache anzureden, worauf er mir auf deutsch antwortet: Ich müsse mir nicht so viel Mühe geben, mit ihm könne ich deutsch reden, er wohne hier. Aber der Vater hätte sich nicht ausreden lassen, das kleine Geschäft zu probieren.
Ende vom Lied: Ich lade die beiden ganz schnell zu mir in das Pfarrhaus ein, vielleicht habe ich einen Kaffee gemacht, ich weiß es nicht mehr – auf jeden Fall erfahre ich, dass der junge Mann am Plauener Theater als Musiker arbeitet, mit seiner Freundin und einem kleinen Sohn in Plauen wohnt und der Vater gerade mal hier zu Besuch ist und sich mit ein paar kleinen Geschäften seinen Unterhalt aufbessern will. Also genau das, was wir in Rumänien mit Handmixern, Küchenuhren, Kaffee und Damenstrumpfhosen auch machen.....
Ein Wort ergibt das andere, wir fassen Vertrauen zueinander und weil ich allein mit Tobias meinen 40. Geburtstag feiern soll , lade ich ihn, seine Frau, seinen Sohn Adrian, die Freundin und den kleinen Antonio kurzerhand zum Geburtstag ein. Und siehe da, am 11. August sind wir bei schönstem Sommerwetter alle im Pfarrgartenversammelt. Ich stelle fest, dass Adrians Freundin Petra in absehbarer Zeit ihr zweites Baby bekommen wird und erfahre, dass der Termin eigentlich schon erreicht ist.Wir grillen das rumänische Nationalgericht „Mici“, das sind so kleine handgedrehte Würstchen aus Fleisch mit gaaaaanz viel Knoblauch. Tobias sorgt mit seinem Moped für die Getränkeversorgung, indem er jede einzelne Getränkeflasche separat herbeiknattert. Der Tag hat sein besonderes Flair, auch wenn Anne nicht dabei sein kann. Ich habe noch keine Ahnung, dass am nächsten Tag mein künftiges Patenkind zur Welt kommen wird.
Einen Tag später kommt Baby Lucaciu Nr. 2 auf die Welt und erhält den Namen Robert. Und so kurz wir uns auch erst kennen, werde ich zum Paten bei der Taufe berufen. Das nehme ich natürlich sehr gern an, denn nun verbindet uns noch viel mehr, als nur eine lose Bekanntschaft. Robert ist inzwischen 25 Jahre alt, ein begnadeter Musikus, selbst schon verheiratet und vielleicht dürfen wir auch noch miterleben, dass der Patensohn selber Kinder hat. Neugierig sind wir schon ... 
Der liebe Gott hat wohl schon damals gewußt, was er tut, indem er uns zusammen geführt hat, denn unsere Freundschaft ist bis auf diesen Tag ungebrochen, so dass wir einander inzwischen als Brüder und Schwestern verstehen können und einer für den anderen gerade steht, wenn es gebraucht wird. Wir durften schon vor der allgemeinen „Wende“ dafür sorgen, dass Grenzen und Mauern beseitigt wurden, indem wir uns einfach vertraut haben. Inzwischen haben wir mancherlei Interessantes und teilweise Kurioses miteinander erlebt, nur zu einem gemeinsamen Rumänienurlaub kam es noch nicht.
Schön, dass es „Keramik im Bäckerladen“ gegeben hat.