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Donnerstag, 4. April 2013

Das verzögerte Brautpaar

Von Hubert Schierl


Wir schreiben 1972. Fast ein Jahr ist vergangen, seit ich Anne nicht mehr gesehen habe.

Der Postbote in Martinsdorf schreit noch immer nach Lohnerhöhung, weil er jeden Tag mehrere Briefe oder andere Kleinsendungen im Hause Löprich abgeben muß. Auch die Nachbarn wundern sich ein wenig, aber man ist zur Tagesordnung übergegangen, zumal die lieben Nachbarn ja auch nicht alles mitkriegen, da Anne während der Woche in Hermannstadt ist. Wir hatten vereinbart, dass Anne mich in Leipzig besuchen möchte, wissen aber zugleich, dass Reisen aus Rumänien in die DDR ziemlich schwierig sind, fast so kompliziert, wie nach dem Westen. Jedoch - nach eigenen Aussagen - ist Annes Vater Hans das „größte Eichhörnchen“ von ganz Rumänien – sprich, er nährt sich mühsam, findet aber immer einen Weg zum Überleben.
Wie er es gemacht hat, wissen wir bis heute nicht. (Wahrscheinlich kannte er jede Menge Leute, denen er auch schon mal was Gutes getan hatte – da mal ein Kilo Fleisch, dort mal einen Liter selbstgebrannten Schnaps....). Anne bekommt die Reisegenehmigung für einen Besuch in Leipzig und darf irgenwann Anfang Juli nach Beendigung ihres Schuljahres auf der Kantorenschule in Hermannstadt mit dem Balt – Orient – Express in die andere Richtung reisen. 
Ich habe noch ein paar Tage bis Semesterschluss, aber richtig viel passiert auch nicht mehr. So habe ich Zeit, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren..... Irgendwie habe ich schon herausgefunden, in welchem Waggon und welchem Abteil des großen Zuges aus Rumänien Anne ihren Platz hat und dann habe ich verinnerlicht, dass seit der erfolgreichen „Bekämpfung der Konterrevolution“ DDR-Bürger ohne jedwede Formalitäten, einfach unter Vorlage des DDR-Personalausweises, in die CSSR fahren dürfen und somit auch auf dem ganz kurzen Weg von Leipzig nach Prag. Ein gefundenes Fressen für eine deftige Überraschung......... Also setze ich mich am Vorabend der Nacht, in der Anne in Prag ankommen soll in einen Zug, der mich meinerseits nach Prag bringt. Ich will dort warten, bis der „Balt – Orient“ (oder wie wir später im Hinblick auf das Flohpulver in der Waggons der CFR – rumänische Eisenbahn - zu sagen pflegten „Baldrian- Express“) auf dem bewußten Bahnsteig des Prager Mittelbahnhofs einläuft. „Hoffentlich ist er pünktlich !!!“ - Das ist meine Sorge in dem Moment, denn ich kann es vor Spannung kaum noch aushalten. Immerhin habe ich das geliebte Mädchen seit fast einem Jahr nicht gesehen – wer wollte das nicht verstehen....... . 
Und dann kommt er, der Zug meiner Sehnsucht. Ganz schnell suche ich mir den Waggon, steige ein und nun ist die Spannung am Bersten. Wird sie drinsitzen, wird alles geklappt haben ???? Bange Minuten, viele Fragen und dann schiebe ich die Tür zu ihrem Abteil auf....... Für den ersten Moment will sie mich gar nicht erkennen, ist es doch wirklich ziemlich verrückt – da wird eine junge Frau mitten in der Nacht auf einem fremden Bahnhof von dem
Menschen überrascht, den sie erst am nächsten Morgen in Leipzig sehen wollte. Aber dann liegen wir uns nur noch in den Armen und wissen gar nicht, was wir uns alles erzählen sollen. Wir sind beide überwältigt, ein wenig müde, aber glücklich. Und so verbringen wir die Fahrt nach Leipzig aneinander gekuschelt und sind zufrieden, dass wir einander haben. 
Leipzig ist natürlich der große Schock für Anne. Schon der Bahnhof, immerhin der größte Kopfbahnhof Europas, ist überwältigend, aber viel schlimmer ist der Gestank, der über der Stadt liegt. Man muß wissen, dass Leipzig mindestens von drei Seiten eingeschlossen ist von den Industrie- und Chemie-Zentren der DDR. Egal, woher der Wind weht – es stinkt immer! 
Kein Wunder, dass Anne es nur unter Kopfschmerzen in dieser Stadt aushalten kann. Und dabei hatte ich mir doch damals eingebildet, dass unsere gemeinsame Zukunft in Leipzig liegen könne, einfach, weil ich diese Stadt lieb gewonnen hatte – trotz aller Widrigkeiten. Nun, ich stelle Anne einigen meiner engeren Studienfreunde vor, ich nehme sie auch mal mit in das Krankenhaus „St. Georg“, wo ich mir meine „Brötchen“ als Krankenpfleger verdiene, um ein wenig unabhängiger zu sein von den 50.- M /DDR, die ich als monatliches Stipendium bekomme, und dann schauen wir, dass wir die Stadt so schnell, wie möglich, verlassen können. Wir machen uns auf den Weg nach Norden, nach Salzwedel, wo meine katholische Großmutter nach ihrer Vertreibung aus dem Sudetenland mit zwei Schwestern meines Vaters nebst Anhang lebt. Die freuen sich alle mächtig, dass der Student mal vorbeikommt, auch wenn er ausgerechnet evangelischer Pfarrer werden will, und noch mehr, dass er seine künftige Frau mitgebracht hat. Und dann kommt die große Herausforderung für Anne: Salzwedel liegt in der Altmark und dort ist alles flach und eben – Radfahrerland. So muß auch Anne gezwungenermaßen einen solchen Drahtesel besteigen und versuchen, sich mit Hilfe dieses Vehikels vorwärts zu bewegen. Zu Fuß sind die Wege etwas weit. Man erspare mir Details – ich bin heute, nach über 40 Jahren, noch heilfroh, dass sie das ohne Schaden überstanden hat.............. .
Weiter führt uns unsere DDR-Rundreise nach Oelsnitz. Schließlich sollen die Eltern ihre künftige Schwiegertochter auch endlich kennen lernen. Man „beschnuppert“ sich ein wenig und dann ist die Aufregung auch schon vorbei. Man kennt sich jetzt, hat den gleichen Stallgeruch und nun können wir richtig Pläne schmieden. Auch diese „Hürde“ ist genommen.............. 
Nach einigen Tagen in meiner Heimat beschließen wir, dass wir unsere Verbindung öffentlich machen möchten. Wir feiern Verlobung. Damals ist das noch so üblich. Die Verwandten und Bekannten werden informiert und dann gibt es kein Zurück mehr.......... 
Ein paar Oelsnitzer Verwandte sind anwesend, von da und dort kommt auch ein kleines Geschenk, (eins sogar aus Amerika – Handtücher aus New York von Norma und Hermann, meiner Cousine und ihrem Mann die wir erst viele Jahre später kennenlernen dürfen, als die DDR längst Geschichte ist. - Die Handtücher trocknen heute noch) aber von nun an tragen wir an der Hand einen – wenn auch nicht ganz echten – Goldring zum Zeichen, das wir einander gehören. (SilGo – nannte man die „Eheringe für Arme“, weil es in der DDR goldene Ringe nur gegen Abgabe von Altgold gab.....). Wir sind trotzdem froh und sind glücklich, wie die Kinder. Leider ist auch die Zeit in Oelsnitz schnell vorbei und es wir Zeit, nach einem nochmaligen Abstecher in Leipzig, die Fahrt nach Siebenbürgen anzutreten.  
Dort empfängt man uns, als hätte es niemals eine Zeit vor unserer Zweisamkeit gegeben.  Annes Eltern haben sich mit dem Gedanken versöhnt, ihre älteste Tochter in die Ferne ziehen zu lassen, denn für uns ist klar, die Zukunft liegt in Deutschland, damals noch DDR. Natürlich muß die Sache mit der Verlobung auch in Martinsdorf offiziell gemacht werden und was bei uns ein rein ziviler Akt ist, wird dort schon etwas amtlicher aufgezogen........ 
Wir werden zur „Betstunde“ in das Pfarrhaus bestellt. Das bedeutet, wir haben ein Gespräch mit dem noch recht jungen Ortspfarrer, unserem späteren und jetzigen lieben Freund Alfred Hermann. Und der nimmt uns schon in' s Gebet!! Im nächsten Sonntagsgottesdienst werden wir als Brautpaar „präsentiert“ und nur weil ich Theologiestudent bin und Anne Kantorenschülerin ist, dürfen wir gemeinsam auf der Orgelempore den Gottesdienst erleben. Ansonsten hätten wir getrennt sein müssen – Anne bei den „Jungfrauen“ unten in der Kirche und ich bei den „Burschen“ oben auf der Seitenempore mit bestem Ausblick auf die Schönheiten des Dorfes. Na, gut war es, wie es war. Für mich in jedem Falle ungewohnt. Später kommen dann im Hause Löprich die Jugendfreunde von Anne zusammen, auch die Verwandtschaft ist eingeladen und für mich beginnt eine Zeit des großen Rätselratens: Wer ist hier eigentlich mit wem und in welcher Art und Weise verwandt. Es gibt Erwachsene und Kinder und jeder hat ein gutes Wort. Die Zahl der Menschen, die uns Glück wünschen, ist schier unüberschaubar. Dass es noch „schlimmer“ kommen kann, soll ich ein Jahr später erst erfahren, als wir dann Hochzeit halten..... 
Zwischendurch stehen uns Aufgaben in' s Haus, die ich heute nicht noch einmal erledigen möchte.  
Um irgendwann einmal heiraten zu dürfen, brauchen wir die offizielle Genehmigung der beiden Länder, aus denen wir kommen – ein Art „Internationales Aufgebot“ also. Natürlich haben wir zunächst keinerlei Ahnung, wie das alles geht und in die DDR wollte auch noch keiner aus dem Bekanntenkreis heiraten, also laufen wir zunächst wie die blinden Hühner durch einige Behörden in Hermannstadt und überall bekommen wir zu hören: „Warten Sie zuhause, es wird sich alles regeln“: Nach etwa einer Woche sind wir verzeifelt, aber noch keinen Schritt weiter: „Warten Sie zuhause!!“ - ist das, was wir regelmäßig zu hören bekommen von den Frauen und Männern, die uns an irgendwelchen Büroschaltern gegenüber sitzen, großspurig „Kent“ rauchen und sich mit uns nur durch eine Art Guckloch in einer Glasscheibe unterhalten. Es ist wie auf dem Bahnhof bei der Fahrkartenausgabe, nur unpersönlicher. Da läuft uns auf dem Korridor einer Hermannstädter Behörde ein gediegen aussehender Mann mittleren Alters über den Weg und sagt uns: „Ich habe Euch jetzt schon ein paar Tage lang beobachtet – es kann nicht sein, dass man Euch so umherlaufen lässt -ich helfe Euch. Ich bin Rechtsanwalt Lionel Blaga.“ 
Und nun geht alles ganz schnell. Plötzlich haben wir jede Menge Formulare in der Hand und er hilft uns persönlich, alle Rubriken auszufüllen. Ich bin mir sicher, den Mann hat uns der liebe Gott in die Quere geschickt. Denn hätten wir ihn nicht getroffen, würden wir wohl heute noch in wilder Ehe leben, wenn denn überhaupt.......... .
Nun beginnt wieder die Zeit des Wartens. Die Behörden in Oelsnitz verlängern mir aller drei Monate meine Heiratsgenehmigung, aber in Rumänien will es nicht vorwärts gehen. Was sollen wir tun ? Irgendwann beginne ich damit, mich gegen diese Art der Bürokratie zu wehren. Aber das ist die nächste Geschichte.....................

Die Reise nach Siebenbürgen II

Von Hubert Schierl

Nun wird es aber endlich Zeit, zum Kern des Pudels zu kommen. Da war doch noch was – ach ja, das „Fräulein Anneliese“ hatte mich nach Martinsdorf eingeladen....... Freilich hatten wir inzwischen das „Du“ schon brieflich vereinbart.
Hans erbietet sich natürlich, mir als ortskundiger Reiseleiter auf der Fahrt nach dort beizustehen und auch die geplanten Tage dort mit mir gemeinsam zu verbringen.
So geht es nun bei strahlendem Sonnenschein und glühender Hitze mit dem Bus zunächst nach Mediasch und dann am späten Nachmittag weiter nach Martinsdorf.
Wenn mir einer hätte sagen wollen, wie lange man für ca. 50 km Busfahrt brauchen kann – ich hätte es nicht geglaubt. Bis nach Marktschelken ist ja auch alles schön und gut. Die Straße ist asphaltiert, der Bus schnurrt vor sich hin, obwohl es schon abenteuerlich ausschaut, wenn die seitlichen Heckklappen eines von hinten angetriebenen halbantiken Linienbusses im Fahrtwind schaukeln. Später haben wir diese seltsamen Vehikel „Marke Radfahrertod“ getauft. Die letzten 20 km gehen dann über unbefestigte Schotter-Sand-Piste das Kaltbachtal hinauf. Ich denke, der Bus zieht eine Staubwolke von etwa einem halben Kilometer hinter sich her und ist bestimmt schon eine Viertelstunde vor Ankunft auf der jeweiligen Station zu sehen und zu hören, denn vor jeder Biegung wird auch noch schrecklich gehupt, um etwaig auf der Straße befindliche Tiere oder Kinder zu verscheuchen. Das Atmen wird immer schwerer, denn der feine Staub kommt auch durch die geschlossenen Fenster rein. Aufmachen darf man die sowieso nicht. Im Bus sitzen einige Rumänen – selbst bei der Hitze mit Schafpelz bekleidet – und schimpfen mit jedem, der für Frischluft plädiert. So sind die fünf oder sechs Haltestellen bis Martinsdorf die einzige Gelegenheit, wenigstens ein wenig Abkühlung zu erfahren.
Endlich – gegen 20.00 Uhr abends – letzte Station. Alle aussteigen, wir sind da, der Bus endet hier und fährt auch nicht zurück bis morgen früh. An der Haltestelle ein dichtes Gewimmel von Leuten, Kinder und große Leute, wer weiß, weswegen die alle da sind ? Ob die ihre Angehörigen abholen wollen ? Oder haben die gar Wind davon bekommen, dass da ein Fremder, einer aus dieser exotischen „DDR“ auftauchen soll ? Nach dem Motto: „Mal sehen, ob das auch richtige Menschen sind?" Bisher hatte man nämlich immer nur solche aus dem „richtigen Deutschland“ gesehen im Dorf. Und mitten im Getümmel ein kräftiger schwarzgelockter Mann, ganz leger im Unterhemd, man sieht ihm des Tages Arbeit noch an ... . Der spricht uns zielsicher an: „Ihr seid die Leute aus Hetzeldorf, ich bin gekommen, Euch abzuholen, herzlich willkommen. Ich bin der Hans-Onkel, der Vater von Anneliese. Kommt, wir gehen nach Hause !“ Noch drei- vierhundert Meter laufen und dann schauen, wer mich da eingeladen hat. Nun ist es also doch spannend geworden!!!
Wir durchschreiten ein Hoftor und betreten eines der üblichen Häuser. In der lichtdurchfluteten „Vorderen Stube“ - wir würden „Gute Stube“ dazu sagen, erwartet mich Anneliese. Ein wenig schüchtern – ich vielleicht auch – aber durchaus irgendwie vertraut, denn sie hatte mir ein wunderschönes Foto nach Leipzig geschickt.
Die Mutter sei noch auf dem Feld, der Bruder - auch Hans genannt, wie gefühlt jeder zweite dort – sei mit der Kuh unterwegs, die noch ein wenig grasen solle und die beiden Schwestern hätten sich erst mal „dünn gemacht“. Irgendwie waren sie misstrauisch gegenüber diesem „Exoten“. Wir sollten uns ruhig erst mal hinsetzen und sie würde derweil dafür sorgen, dass was auf den Tisch kommt. (Alles, außer Büffelrahm!) Nun, nach und nach bekomme ich die ganze Familie zu Gesicht und irgendwann am späteren Abend ist plötzlich die ganze Stube voller junger Leute. Man hat eine „Unterhaltung“ - wir würden Party dazu gesagt haben. Irgendeiner bringt ein „Casettophon“, also einen Kasettenrekorder mit und erstaunlicherweise die derzeit modernsten Schlager aus dem Westen. Mich wundert's, aber für meine neuen Freunde ist das selbstverständlich ... . Auch diese Nacht wird kurz.
Wir, Hans aus Hetzeldorf und ich, werden im Dorf ein wenig herumgeführt, wir wandern sozusagen durch die Felder, durch die Auen und die Tage sind wunderschön. Inzwischen sind auch Annelieses Geschwister aufgetaut und entpuppen sich als ganz lustige Gesellen.
Anneliese selbst findet jeden Abend eine frisch geklaute Blume auf dem Kopfkissen ihrer Schlafstatt und kann sich das nicht erklären. Ich werde irgendwie immer nachdenklicher und – ich weiß nicht wie – es gelingt mir zu bewerkstelligen, dass wir einen Tag lang allein mit dem Bus nach Hermannstadt fahren können. Ganz ohne Anstandswauwau. Ganz schön vertrauensvoll, die Eltern! Anne – so nenne ich sie inzwischen – will mir die Stadt und ihre Kantorenschule zeigen und wir verleben einen unbeschwerten Tag, nur wir zwei. Und dann, irgendwo in der Nähe der alten Stadtmauer kann ich nicht mehr anders: Ich muß sie fragen: „Kannst Du Dir vorstellen, mit mir nach Deutschland, das heißt, in diesen einen Teil davon, zu kommen und meine Frau zu werden? Viel kann ich Dir nicht bieten, aber gemeinsam können wir es schaffen, das glaube ich ganz fest!“ Und – was ich so nicht für möglich gehalten hätte: Sie sagt Ja! Ich glaube, an diesem Abend waren es zwei frisch geklaute Blumen auf dem Kopfkissen und nun wusste sie, warum... . Leider gehen die restlichen Tage wahnsinnig schnell vorbei, der Urlaub ist zu Ende, die Fahrkarte nach Leipzig gibt den Termin vor. Dieser Abschied ist gar nicht leicht, denn irgendwie wissen wir beide: Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir uns wiedersehen können.
Aber bis dahin sind zwei Semester mit vielen vielen Vorlesungen Zeit, um Briefe zu schreiben. Manchmal zwei oder drei an einem Tag. Der Postbote in Martinsdorf schütteln nur ungläubig mit dem Kopf und verlangt Sonderzuschläge. Liebe macht auch erfinderisch, denn ab und an ist auch mal eine kleine Überraschung in einem der Briefe, ein Teebeutel, eine Tafel Schokolade oder auch mal ein Stück selbst besprochenes Tonband. Und bisweilen gibt es sogar ein Telefonat, auch wenn das viele Stunden Wartezeit braucht und man so in den Hörer brüllen muss, dass ganz Leipzig mithören kann ... .

Die Reise nach Siebenbürgen I

Von Hubert Schierl

Was wäre gewesen, wenn Günter seine Abschlußprüfung bei der Deutschen Post nicht so gut
bestanden hätte ? Vielleicht wäre mein ganzes Leben anders gelaufen...
Aber von vorn:
Im Jahr 1971 habe ich mein 10. Semester am Theologischen Seminar zu Leipzig erfolgreich absolviert und die Semesterferien können beginnen. Endlich Sommer, Freizeit und sogar begrenzte FREIHEIT. 
Günter und ich planen schon seit Monaten eine Tramp-Tour durch die CSSR. Drei Jahre ist es nun her, seit die „befreundeten Armeen der sozialistischen Bruderstaaten“ die vermeintliche Konterrevolution in der CSSR – besser bekannt als „Prager Frühling“ gewaltsam beendet haben und wir wollen schauen, wie es inzwischen in diesem schönen Land aussieht. Meine Mutter hat uns sogar schon ein Zweimannzelt von Quelle aus dem Westen besorgt und die gedanklichen Vorbereitungen für die Reise laufen auf Hochtouren. Da schreibt mir Günter nach Leipzig, dass er nunmehr seine Lehre bei der Deutschen Post beendet habe und für seine sehr guten Leistungen eine Auszeichnungsfahrt in die Sowjetunion, speziell in den Kaukasus, erhalten soll. Das wolle er sich doch wirklich nicht entgehen lassen. Wer weiß, wann mal wieder so eine Gelegenheit ist??? 
„Aber was wird aus mir ?“ - schreibe ich ihm zurück....
„Kein Problem, Dich schicke ich nach Siebenbürgen in Rumänien.“ Im Vorjahr war Günter selber in Rumänien und hatte einige Kontakte geknüpft, unter anderem zu einem Studenten der Kirchenmusikschule in Hermannstadt. Zu eben diesem Hans wolle er mich schicken, meint er. Und so erhalte ich schon kurze Zeit später Post aus Hermannstadt. Hans schickt mir eine offizielle Einladung nach Siebenbürgen, legalisiert durch viele schöne Stempel der rumänischen Polizei. Die braucht man damals, um eine „Reiseanlage zum Personalausweis der Deutschen Demokratischen Republik für den visafreien Reiseverkehr“ (Man beachte die Wortschlange!!) nach Rumänien überhaupt beantragen zu dürfen. Ich bedanke mich höflich bei Hans, erzähle ein bisschen von mir, von Leipzig und vom fröhlichen Studentenleben und bitte ihn, mir doch bald wieder zu schreiben, um mir die Modalitäten für meine Reise mitzuteilen. Ein wenig komisch ist es mir schon um's Herz, denn so weit war ich noch nie gefahren. Aber mein Vater, der als Soldat im (jugoslawischen) Banat war, kann mir ein paar „Heiße Ratschläge“ erteilen und nun bin ich neugierig auf eine Fahrt ins „Operettenland“.... Gräfin Maritza und der Zigeunerbaron fallen mir ein und ich beginne mich zu freuen. Irgendwann kommt auch noch einmal ein Brief von Hans und dann höre ich erst mal eine ganze Weile gar nichts mehr, bis dann endlich, endlich im Mai wieder ein Brief mit rumänischer Briefmarke in meine Studentenbude flattert.
Aber diesmal schaut die Handschrift viel ordentlicher aus, als die von Hans. Die Straße und Hausnummer des Absenders sind zwar die selben, wie bei Hans, aber der Name ist anders. Plötzlich heißt der Hans „Anneliese“. Gebannt mache ich den Brief auf und lese zu meiner Überraschung, daß der Hans meine Post kurzerhand einer Mitstudentin in die Hand gedrückt hat, weil er selber ein wenig arg schreibfaul ist. Soll sie doch den Kontakt weiter pflegen, wenn sie mag. Ansonsten bliebe alles beim alten, die Einladung steht, nur eben wolle er nicht dauernd Briefe schreiben. Ja, und wenn ich sowieso vorhätte, nach Siebenbürgen zu kommen, dann solle ich doch auch in Martinsdorf mal vorbeischauen, ihrem Heimatort. 
So überrascht ich von dieser abermals veränderten Situation bin, so steif fällt meine Rückantwort aus: „Sehr geehrtes Fräulein Anneliese...“ - beginne ich mein Schreiben. (Aus heutiger Sicht einfach schrecklich, diese Anrede eines damals 23-jährigen für eine gerade 18 Jahre alte junge Dame....!). 
Es mögen noch zwei, drei Briefe hin und her gegangen sein, dann ist es endlich soweit. Koffer und Tasche werden gepackt, ein paar kleine Geschenke sind drin – vor allem ein Geschenk zu einer siebenbürgischen Hochzeit, denn eine Solche erwartet mich in Hetzeldorf, dem Heimatort von Hans. 
Die Reiseanlage habe ich schon vor einigen Tagen abgeholt, nun kann ich mir eine Fahrkarte kaufen. Dank des „Internationalen Studentenausweises“, den mir mein lieber Freund Jan aus Prag über seine Karlsuniversität besorgt hat, kostet mich die Reise Leipzig – Hermannstadt – Leipzig gerade mal 80 Mark der DDR. Guter Tarif für über 3000 Eisenbahnkilometer. Ein Telegramm geht nach Hetzeldorf: „Komme dann und dann“ und ich rechne mit einer Fahrzeit von 2 Tagen. - Ein lustiger Irrtum, wie sich bald herausstellen wird, denn der „Balt – Orient – Express“ ist bereits nach reichlich 24 Stunden am Ziel meiner Wünsche. 
Nach einmaligem Umsteigen und einer kurzen Fahrt mit dem Vorortzug stehe ich in aller Herrgottsfrühe auf einem einsamen Haltepunkt und komme mir sehr verloren vor. Weit und breit kein Haus, kein Hans, ja überhaupt kein Mensch, nur ein Hinweisschild an einer verwaisten Straßenkreuzung: „ATEL 4 km“ (Atel ist die rumänische Bezeichnung für Hetzeldorf – so schlau bin ich schon.). 
Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Gepäck aufzunehmen und mich auf den Weg bergauf zu machen. Zum Glück ist es noch früh am Tag, die Sonne scheint strahlend und es ist noch kühl. Vier Kilometer mit schwerem Koffer und Reisetasche – das kann dauern. Die Straße ist auch nur festgefahrener Schotter und die Steine drücken sich durch die Schuhsohlen. Da kommt mir nach einem knappen Kilometer ein Pferdefuhrwerk entgegen. Darauf ein paar Leute im bäuerlichen Outfit (damals sagte man noch anders...). Und die halten doch wirklich neben mir und reden mich in deutscher Sprache, mit leicht fremdem Akzent, aber sehr deutlich an. Ob ich der Student „von Oben“ sei, sie meinten, ob ich aus Deutschland käme - aus dem Osten, wie sie hinzufügten und ob ich zu der und der Familie wolle? Nachdem ich das bejahe, erklären sie mir, dass ich einen ganzen Tag zu zeitig sei, ich würde erst morgen erwartet und die Mutter von Hans sei mit dem Bus in die Stadt gefahren, Besorgungen machen. Sie selber „zögen zwar gerade in' s Feld“, sie meinten damit, dass sie ihre Arbeit auf dem Heuacker beginnen wollten, aber ich solle nur aufsteigen mit meinem „Pack“ (gemeint sind meine Koffer), sie führen mich die restliche Strecke bis Hetzeldorf. So einem jungen Studenten müsse man doch helfen. (Ich weiß nicht, warum ich just in diesem Augenblick an „PIROSCHKA“ denken muss??). 
Also: Das ganze kehrt und zurück, so schnell die Pferdchen mögen. 
Und dann stehe ich vor einem scheinbar verschlossenen Haus und rufe. „Hans – Hans“! Es dauert eine ganze Weile, da geht der Fensterladen auf und ein offensichtlich verschlafenes Gesicht schaut mich fragend an. Was ich denn heute schon wolle, die Mutter sei nicht da, aber da ich nun einmal da sei, solle ich nur reinkommen. Ich betrete eine saubere Küche, kann mich ein wenig frisch machen nach der Reise und wenig später ist eine hilfreiche Nachbarin zur Hand, schneidet herrlich duftendes helles Brot und stellt es samt einer Tasse Tee und einem Kaffeetopf voll mit einer weißen Masse, die an Butter erinnert vor mich hin. Es sei Büffelrahm, erklärt sie und ich solle nach der langen Fahrt nur kräftig zulangen. Nun, ich lasse mich nicht lumpen und gut erzogen, wie ich bin, löffle ich den Topf auch aus. Die fragenden Blicke meiner Gastgeber nehme ich nicht wahr. Dazu bin ich wohl auch zu müde. Erst einige Stunden später wird mir klar, dass Büffelrahm nicht nur gut schmeckt, sondern rückwärtige Darmpartien auch gut schmiert. Für die nächsten ein bis zwei Stunden gehört das „Herzhäuschen“ mir. Seither habe ich zu Büffelrahm ein eher gespaltenes Verhältnis ... . Die Tage in Hetzeldorf vergehen wie im Flug. Gemeinsam mit Hans und seinem Bruder Lorenz bin ich viel unterwegs. Sie wollen mir ihre schöne Heimat zeigen. Per pedes geht es über Stock, Stein und Berge hinüber nach Birthälm, einer herrlichen siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburg. Ich erfahre, dass eben diese Burg früher der Bischofssitz der siebenbürgischen Landeskirche war (heute ist das Hermannstadt), dass die ursprünglichen (nieder)-sächsischen Kolonisten sich schon bald nach ihrer Einwanderung vor über 800 Jahren gegen die Reitervölker aus dem Osten wehren mussten. Dafür waren sie ja vom damaligen ungarischen König ins Land geholt worden und aus diesem Grund hatten sie sich solch stolze Wehranlagen gebaut. Da sie offensichtlich auch sehr gläubige Leute waren, legten sie ihre Wehranlagen gleich als Kirchenburg an. Es ist ein überwältigendes Gefühl, über solch geschichtsträchtigen Grund zu schreiten. Aber auch die Stadt Mediasch wird erkundet und ich erfahre, dass ich da in einer Industriestadt bin, was auch unschwer an den rußgeschwärzten Dächern und Fassaden der Häuser zu erkennen ist. Auch die Wäsche der Hausfrauen hängt ziemlich grau in den Höfen. Aber die Stadt hat mehr zu bieten. Wir betreten die Rumänisch-Orthodoxe Kathedrale, drehen eine Runde auf dem „Ring“, dem zentralen Platz der Stadt, statten der Evangelischen Margarethenkirche unseren Besuch ab und fahren schließlich mit dem Bus zurück nach Hetzeldorf. 
Ja, und dann ist Hochzeitsvorbereitung angesagt. Drei Tage mindestens sind tüchtige Hausfrauen aus der Nachbarschaft damit beschäftigt, Brot und Kuchen zu backen, das frisch geschlachtete Schwein zu präparieren, Hühner „abzutun“, will sagen, zu schlachten, um genug Braten und Suppe zu haben für die erwarteten ca.300 Gäste. Die Männer besorgen derweil den Wein und unterziehen ihn auch der nötigen Gütekontrolle, selbst gebrannter Pflaumenschnaps wird dazu gestellt und die Jugend des Dorfes ist damit beschäftigt, den Saal des Kulturhauses hochzeitlich herzurichten. Reihum müssen ein paar Männer auch nachts Wache halten, damit keiner vorzeitig anfängt zu feiern. Am Tag vor der Hochzeit gehen die Vorbereitungen dann in die „Zielgerade“. Mitten in der Nacht müssen wir aufstehen und dann ziehen wir, die jungen Leute, unter Gesang und mit großem Getöse von Haus zu Haus und bitten die Frauen zur Arbeit auf's Hochzeithaus. Jeder oder jede, den oder die wir treffen muss mal anstoßen auf das Glück des jungen Paares und dann geht es an die letzten Arbeiten, sozusagen den Feinschliff. Der Tag der Hochzeit beginnt mit einem mir fremden Zeremoniell im Saal des Kulturhauses: Die Familien von Braut und Bräutigam stellen sich einander gegenüber auf und dann haben die Brautleute die Aufgabe, sich bei der eigenen Familie zu verabschieden, für eine glückliche Kindheit zu danken und für alle Verfehlungen um Vergebung zu bitten. Nachher werden sozusagen „die Seiten gewechselt“, die Brautleute begeben sich zur jeweils anderen Familie und bitten in aller Demut darum, in diese neue Familie aufgenommen zu werden. Ein wahrhaft schöner Brauch und zu diesem Zeitpunkt kann ich mir noch gar nicht vorstellen, dass ich genau diesen Brauch zwei Jahre später selber vollziehen werde. Sodann begibt sich die ganze festliche Hochzeitsgemeinde in die ehrwürdige Kirchenburg von Hetzeldorf, wo in einem feierlichen Gottesdienst die Trauung vollzogen wird.Es ist überwältigend: Da befinde ich mich mitten in Rumänien und erlebe einen evangelischen Gottesdienst in deutscher Sprache. Mir geht es eiskalt über den Rücken, so bin ich mitgenommen. Nachdem der offizielle Teil beendet ist, wird es aber noch nicht so richtig gemütlich, nein, erst setzt sich der ganze Hochzeitszug noch einmal in Bewegung zum Hochzeithaus. Dort steht auf dem Hof ein sehr großer Tisch, hinter den sich die Brautleute mit ihren Eltern stellen und nun beginnt der große Vorbeimarsch der Gäste und jeder wird seine guten Wünsche und natürlich auch sein Geschenk los. Die Männer schenken Geld – und das nicht zu knapp – die Frauen „was Praktisches“. Nur ich falle aus der Rolle und habe auch „was Praktisches“, weil ich das ja nicht wissen konnte. Aber dann geht’s los. Im Saal sind inzwischen die langen Tafeln festlich gedeckt, jeder sucht sich seinen Platz, der Herr Pfarrer hält ein kurzes Tischgebet, es erklingt ein Tusch von der Musikkapelle und dann tragen in einer langen Schlange weiß beschürzte junge Männer die herrliche Hühnersuppe auf. Ich weiß natürlich nicht mehr, wie viele solche gackernden Lebewesen ihr selbiges aushauchen mussten, aber den Geschmack kann ich mir nach über 40 Jahren noch gut vorstellen. Nach der langen vorangegangenen Zeremonie schmecken Suppe und Braten natürlich vorzüglich und dann nehmen die Dinge ihren Lauf: Tanzen, was das Zeug hält, solange die Schuhsohlen mitmachen... . 
An Schlaf denkt in dieser Nacht keiner, dafür ist später Zeit.



Prager Frühling

Von Hubert Schierl


Diese Geschichte spielt im Sommer 1968.
Ich habe Semesterferien und begleite meine Eltern für ein paar Tage nach Marienbad. 
Pfarrer Lastovka, der Onkel meines Freundes Jan hat uns ein Quartier besorgt bei Familie Pazourek (auf deutsch heißt das „Pfötchen“). Ich bin gespannt auf die Leute, die so einen lustigen Namen tragen. Wir bekommen zwei saubere Stübchen zugewiesen und lassen es uns in Marienbad gut gehen. Allenthalben spürt man in der Stadt, dass etwas anders ist, als bei uns in der DDR. Alles ist bunt, die Leute laufen mit entspannten Gesichtern durch die Parks und in den Cafe's sitzen die Menschen und lesen Zeitung.Überhaupt sind die Kioske gefüllt mit Zeitungen aus aller Welt. Es gibt keine Beschränkungen mehr, keine Zensur, wir können frei und ungehindert den „Spiegel“ oder die „Frankfurter Allgemeine“ kaufen, die „Prager Volkszeitung“ berichtet ganz offen über die Vertreibung der Sudetendeutschen und das in deutscher Sprache und überall finden sich Fotos vom ersten demokratisch gewählten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomas Mazaryk. Es ist eine fantastische Atmosphäre!!!! 
Nach ein paar Tagen, die ich mit meinen Eltern dort verbracht habe, verabschiede ich mich, denn ich bin in Prag mit meinem lieben Freund Jan verabredet, der im Vorjahr auf der Karlsuniversität sein Mathematik-Studium begonnen hat. Wir treffen uns auf dem Bahnhof Praha-stredni ( Mittelbahnhof, heute wieder Mazaryk-Bahnhof ) und fahren mit der Straßenbahn an den Stadtrand in sein Internat. Dort darf ich für ein paar Tage mit ihm die Bude teilen, denn sein Kommilitone ist schon in den Heimaturlaub abgereist. Also ist ein Bett frei. Kurze Instruktion, wie ich mich zu verhalten habe: Nichts sagen, nichts hören, nichts sehen..........(die drei Affen eben), dann gibt er mir eine Art Hausausweis und eine Karte, die mich zur Verpflegung in der Mensa berechtigt. Er hat an alles gedacht! Logischer Denker eben, der Jan. 
Viele Dinge können wir gemeinsam unternehmen. Jan führt mich durch das alte Prag, an Ecken, die sonst kaum einer sieht, aber wir besuchen auch die Stätten, die man in der Mutter aller Städte (Zlata Praha, Matka Mest) einfach gesehen haben muss. Wir stehen an der astronomischen Uhr am alten Rathaus, sind auf der Karlsbrücke bei den Künstlern, besuchen die Theyn- und die Nikolauskirche, befinden uns in der “Alt-Neu-Schul“, der ältesten Synagoge Europas, wie man mir sagt , lesen dort die unzähligen Namen der getöteten Prager Juden – 30.000 sind es wohl, wenn ich recht erinnere - und legen im jüdischen Friedhof Steinchen auf das Grab von Rabbi Löw, dem Schöpfer des „Golem“, den man getrost als Vorläufer moderner Roboter bezeichnen darf. Aber wir lassen es uns auch gut gehen: Smetanas „Verkaufte Braut“ lernen wir im Nationaltheater an der Moldau persönlich kennen, in den Waldstejn-Gärten unterhalb des Hradschin erleben wir ein Open-Air-Konzert der Prager Philharmonie, bei dem man Pfeife rauchen und chinesischen Orangen-Saft trinken darf und natürlich sind wir auch „U Fleku“ zu finden, der berühmtesten Prager Schwarzbierkneipe. Nur den „Kelch“, wo der gute Schwejk „nach dem Krieg um sechse“ eingekehrt war, lassen wir aus. Aber es ist eh schon alles „Schwejk“ in dieser Stadt im Sommer '68. 
An einem der Tage hat Jan wohl noch in der Uni zu tun – ich weiß es nicht mehr – und ich mache mich allein auf den Weg in die Kleinseite. Ich will nun endlich den Hradcany (Hradschin), die ehrwürdige Prager Burg „erobern“. Nachdem ich mir den St. Veits-Dom „reingezogen“ habe, mache ich mich auf den Weg nach „Zlata Ulicka“, dem Goldenen Gässchen. Dort sollen ja der Überlieferung nach die „Goldmacher“ gewohnt haben. Erfolg hatten sie genau so wenig, wie der sächsische Herr Böttcher. Aber der hat wenigstens noch das Porzellan erfunden. Von den Prager Goldmachern ist solche Mähr nicht überliefert .... . Zum Schluss bewege ich mich noch auf das Präsidentenpalais im Vorhof der Burg zu. Die Fahne oben auf der Zinne sagt, dass Präsident Svoboda (das heißt übrigens „Freiheit“) zuhause ist. Ich folge den Wegweisern und durchstreife Raum für Raum mit kostbaren Ausstattungen, bis in einem ganz bestimmten Zimmer eine freundliche junge Dame an mich herantritt und mir leise, aber bestimmt zu verstehen gibt: „Bitte verlassen Sie diesen Raum wieder in der Richtung, aus der Sie gekommen sind, Sie befinden sich im Vorzimmer des tschechoslowakischen Staatspräsidenten“! Für einen Moment habe ich Ehrfurcht vor mir selber, aber dann stelle ich mir vor, ich dürfte das zuhause erleben, wo schon an jeder Tür in jedem kleinen Polizeirevier ein amtliches Dienstsiegel klebt und alles so schrecklich „geheim“ ist....

Mit schwerem Herzen verabschiedet mich Jan nach unserer gemeinsamen Zeit in Richtung Slowakei. Er mag selber die Slowaken nicht besonders, denn er ist Tscheche mit Leib und Seele, aber er toleriert meine Überzeugung, dass ich keine Unterschiede machen möchte. Schließlich habe ich auch in Trnava (Tyrnau) bei Bratislava (Preßburg) liebe Freunde, die ich endlich mal besuchen möchte.
Trnava /Tyrnau nennen die Slowaken übrigens ihr „Kleines Rom“ aufgrund seiner vielen Kirchen. Eine wunderschöne Stadt in einer noch schöneren Umgebung. Die „Mala Fatra“ (kleine Fatra) ein Nebengebirge der Tatra liegt vor der Haustür und Bad Piestany, das „Teufelsbad“ an dem Fluss Vah (Waag) ist nicht weit weg. 
Ich bin bei Frau Visnovska einquartiert, die ich gemeinsam mit meinen Eltern mal in der Eisenbahn in der Nähe von Dresden kennengelernt habe. Sie war es, die uns erklärte, dass man Paprikaschoten auch essen kann.... . Frau Visnovska stammt ursprünglich aus dem böhmischen Kraslice/Graslitz, hat irgendwann mal den Herrn Visnovsky in Tyrnau geheiratet und spricht perfekt deutsch. Sie lebt mit ihrer Tochter Ewa in einem idyllischen blumengeschmückten, mediterran anmutenden Hinterhof an einer der Hauptstraßen Tyrnaus. Ihr Sohn Benno ist schon verheiratet und leidenschaftlicher Angler auf der Vah. Und der nimmt mich mit zum Fischen, geht mit mir in die Berge der Mala Fatra, zeigt mir alte Burgen und Schlösser mit fantastischen Wildparks. Alles ist einfach nur GUT. Es ist warm, die Sonne scheint, die Menschen sind aufgeschlossen, ich habe ein Quartier und gute Verpflegung und kann im übrigen machen, was ich will. So auch am 11. August, meinem 20. Geburtstag. Ich habe mir vorgenommen, nach Bratislava zu fahren. Man fährt ungefähr eine halbe Stunde mit dem Vorortzug und ist in der slowakischen Metropole. Neben der Altstadt und der „Pressburg“ interessiert mich vor allem die Donau, dieser länderübergreifende Strom, der durch keine Grenze und durch keinen „Eisernen Vorhang“ aufzuhalten ist, seinen Weg durch Europa zu gehen – vom deutschen Schwarzwald bis zum rumänisch-ukrainischen Schwarzen Meer. Einmal will ich „Europa-Flair“ erleben und so kaufe ich mir eine Schiffskarte für eine Donaurundfahrt – stromauf zur oesterreichischen Grenze und dann retour, stromab zur ungarischen Begrenzung. Das ist ein Geburtstag!!!
Da möchte man alle Tage noch mal 20 werden! 
Und dann ist Mittwoch, der 21. August 1968. 
Ich liege noch in meinem Bett im abgedunkelten Raum, der dadurch vor der Hitze bewahrt wird und höre ein seltsames Brummen in der Luft. Na ja, denke ich mir, vielleicht irgendwelche Straßenbauarbeiten, die dich da in aller Frühe wecken. Ich schleiche mich raus und siehe da, meine Gastgeber sind schon wach und aufgescheucht, wie ein Bienenschwarm. Es läuft das Radio aber statt der üblichen morgendlichen Musiksendung nur aufgeregte Stimmen. Ich höre was von „legalni, svobodny ceskosolovensky rhozlas nad Dunaj“, (legaler, freier tschechoslowakischer Rundfunk auf der Donau – gesendet wird offensichtlich von einem Donauschiff aus, abwechselnd auf tschechisch, slowakisch, deutsch und ungarisch), kann mir kein Bild machen und erfahre, was geschehen ist: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben die Armeen des Warschauer Vertrages (außer die rumänische Armee) in der vergangenen Nacht die gesamte Tschechoslowakei besetzt.
Angeblich sind sie gerufen worden, um der drohenden Konterrevolution zuvor zu kommen...... An Frühstück ist nun nicht mehr zu denken, ich laufe auf die Straße und sehe ungarische Militär- Jeeps straßauf, straßab fahren. 
Ich laufe Richtung Zentrum, wo sich das Rathaus, die Post, das Fernmeldeamt und andere Behörden befinden und sehe dort sowjetische Soldaten in voller Montur stehen. Mit meinen drei Brocken Russisch rede ich sie an und erfahre, dass die armen Schweine gar nicht wissen, wo sie sich befinden. Sie sind der Meinung, sie seien in Westdeutschland und müssten den Klassenfeind besiegen und den Sozialismus retten.Ich laufe zurück zu meinen Gastgebern und berichte. Die haben inzwischen die Information, dass die slowakische Grenze nach Oesterreich weit offen steht und jederzeit von jedermann frei passiert werden kann.
Benno mahnt mich zur Eile und sagt: „Das kann nicht lange so sein, dann sind die Russen auch an der Grenze, wenn Du willst, pack' Deine Sachen, meine „JAWA“ steht draußen, ich fahre Dich nach Wien!“. In der Tat bin ich einen Moment am überlegen, aber dann sage ich mir etwas von den Eltern in Oelsnitz, dem Studienplatz in Leipzig, den Freunden und überhaupt der gewohnten Umgebung. 
Ich danke dem Benno – er selber fährt auch nicht. So geht das nun viele Tage weiter: Jeden Tag die gleiche Runde – Postamt mit der russischen Bewachung, um vielleicht eine Nachricht nach Hause zu schicken, Rathaus, um zu erfahren, was los ist, Bahnhof, um zu schauen, ob schon wieder Züge fahren............. Mein Vorteil ist, dass ich die Sprache inzwischen halbwegs beherrsche. Man hält mich zwar nunmehr für einen Tschechen, aber das ist weitaus besser, als würde man den DDR-Menschen in mir erkennen. Das gäbe wahrscheinlich den angestauten Volkszorn....! Komischerweise hat die Menschen trotz der dramatischen Ereignisse der Galgenhumor nicht verlassen. Der Schwejk wohnt nun auch in der Slowakei. Alle wichtigen Wegweiser auf den Straßen sind abgebaut, die Schilder auf dem Bahnhof fehlen und statt dessen prangen überall große Tafeln: „Moskau – 2000 km / Berlin – 800 km / Budapest – 150 km usw. Freche Sprüche, die nur auf slowakisch funktionieren kommen über das Radio, aber die Berichte werden spärlicher, ein „Piratensender“ nach dem anderen gibt den Geist auf und so versinkt das Land nach und nach in bleiernem Schweigen. 
Die Sonne scheint nicht mehr so hell, die Blumen blühen anders, die Menschen schauen traurig drein – nur die russischen Soldaten stehen brav auf „Friedenswacht“. Nach ca. zwei Wochen erfahre ich, dass es wieder eine Zugverbindung Richtung Prag geben soll und dann weiter in Richtung Dresden. 
Ich nehme den ersten Zug und durchquere ein gestorbenes Land. Alles liegt trist vor mir. Ich mag eigentlich nicht weg, aber ich bin mir sicher, die Eltern machen sich Sorgen...... Ich komme in Tetschen / Decin an und sehe ein uriges Gewimmel auf dem Bahnhof. Leute laufen aufgescheucht durcheinander, zwischendrin DDR-Soldaten, die für Ordnung sorgen. Irgendwie denke ich, dass ich solche Bilder schon mal im Kino gesehen habe, aber aus einer anderen Zeit. Dann werden umgebaute Güterwaggons bereitgestellt – grün angestrichen und mit Fenstern und Sitzbänken versehen. Wenigstens soviel, sonst wäre der Vergleich erdrückend ... . Die Grenzkontrolle ist hart. Vor allem wird Gedrucktes gesucht. Filme werden konfisziert. Aber die Bilder in unseren Köpfen können sie uns nicht nehmen. Die bleiben für immer. 
Schade um dieses schöne Land, das nun in einer Art Dornröschenschlaf liegt. Als ich nach Oelsnitz zurück komme ist natürlich die Erleichterung groß. Nebenbei erfahre ich, dass der Staatssicherheitsdienst schon ein paarmal bei meinen Eltern war. Immerhin habe ich bei der abendlichen Volkszählung offensichtlich gefehlt und man hatte sich an höherer Stelle Sorgen um mich gemacht .... .











Mittwoch, 3. April 2013

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

Von Hubert Schierl

Zwei Jahre kenne ich Jan jetzt schon, den Pfarrerssohn aus dem Riesengebirge, dessen Vater wegen seines Widerstandes gegen die Deutschen selber für einige Zeit im deutschen KZ-Lager war. 
Viele Dinge weiß ich ja. Ich kenne die Hausnummer von Vaters Elternhaus und stehe plötzlich davor. Klein kommt es mir vor, viel kleiner, als Vater es mir erzählt hat. Aber nun stehe ich davor und wage den Druck auf den Klingelknopf.
Leider ist Pfarrer Semeradt schon verstorben, ich kann ihn nicht mehr kennen lernen, aber seine Frau, die Schwester von Pfr. Lastovka aus Marienbad, ist die Mutter meines lieben Freundes. Sie arbeitet inzwischen in Podersam / Podborany in Mittelböhmen als Lehrerin, also genau in dem Gebiet, aus dem mein Vater stammt – unmittelbar an der ehemaligen Sprachgrenze zwischen deutscher und tschechischer Bevölkerung. Da liegt es schon nahe, dass ich meinen Freund Jan darum bitte, mir die Heimat meines Vaters zu zeigen, von der ich aus Erzählungen so unheimlich viel weiss, das ich manchmal denke, ich sei selber dort groß geworden. 
Und so fahren wir eines Tages mit dem Bus nach Woratschen / Oracov und erkunden das Dorf, in dem der Vater seine Kindheit verbracht hat und das für ihn ein wahres Märchenland geworden ist in der Verklärung der Vergangenheit. Für Jan ist es auch schwierig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber da müssen wir durch.... Jeder muß mit seiner Vergangenheit klar kommen – später werden wir spüren, dass uns eben diese verschiedene Vergangenheit zu Brüdern macht
Eine Frau kommt mir zögerlich entgegen, in der Hand ein Schriftstück. Sie hat uns wohl gesehen, meinen Freund Jan und mich und vorsichtshalber schon mal die Kaufurkunde für das Haus mitgebracht. Vielleicht waren zu der Zeit mehr „Ehemalige“ unterwegs ?? Ich habe mit Hilfe von Jan jede Menge zu tun, der guten Frau zu erklären, dass wir nicht das Haus enteignen wollen, sondern ich nur sehen möchte, wo meine Großmutter Brot gebacken hat... . Dann wird sie ganz zugänglich und ich darf mir alles anschauen ... die Stuben, den Backofen das Nebengelass, den Stall - und ein Stück Geschichte wird für mich Gegenwart.Plötzlich stehen die Erzählungen des Vaters plastisch vor mir und ich erlebe nach, was er als Bursche erlebt hat. Für einen damals 19-jährigen Studenten am Ende des ersten Studienjahres wahrlich eine große Aufgabe ... . 
Wir ziehen weiter die Dorfstraße hinab, an der Mittelmühle vorbei Richtung Dorfplatz, wo die katholische Kirche steht. Das Gebäude ist natürlich verschlossen und macht auch einen ziemlich verfallenen Eindruck, aber ich fühle nach, dass der Vater vor Jahren hier ein- und ausgegangen ist, als Ministrantenbub sich vielleicht den einen oder anderen Streich erlaubt hat – vielleicht haben die damaligen Ministranten auch schon mal heimlich vom Messwein des Pfarrers gekostet ... . Und ich fühle den Hauch der Geschichte an mir vorüberziehen. 
Es ist ein eigenartiges Gefühl ... . Als wir dann letztendlich der Kirche gegenüber vor dem Haus der Frau Weinert stehen, ist der Schock perfekt: „Jessas na, der Koarl“, ruft es nach unserem Klopfen und der ersten Sichtprüfung aus dem Hof hinter der verschlossenen Pforte. Da ist wohl wirklich für die Frau Weinert die Zeit stehen geblieben und sie verwechselt mich mit meinem Vater, der in meinem jetzigen Alter damals die Heimat in Richtung Wehrmacht und Krieg verlassen hat. Schnell ist zumindest dieses Mißverständnis aufgeklärt, aber mit meinem Freund Jan will sie sich noch nicht anfreunden. Es kostet mich einige Mühe, dass er auch Zutritt zum Hause Weinert bekommt und ihm gegenüber ist es mir schon peinlich - schließlich befinde ich mich auf tschechoslowakischem Staatsgebiet ... . 
Am Ende kann ich alles aufklären und man versteht sich. Schön – ein wenig Versöhnung haben wir schon mal geschafft!Wir gehen den Dorfplatz hinunter bis zur Brücke und dort treffen wir noch Frau Schnabel. Beide Frauen, Frau Weinert und Frau Schnabel durften bleiben bei der großen Vertreibung, weil sie für den tschechoslowakischen Staat wichtig waren, sei es durch Heirat oder durch den Beruf.
Und beide Frauen können mir erzählen wie es früher war. 
Es ist ja gerade mal 30 Jahre her, aber unsere – die Sicht von Jan und mir – ist eine anderegeworden. Wir waren nicht dabei. Wir fühlen uns durch den gemeinsamen Glauben an denliebenden Gott verbunden und so spielen die Grenzen der Nationalität keine Rolle mehr, wir sind nur noch Brüder. So wird Geschichte plötzlich lebendig und ich werde lange zu denken haben an dem, was ich da erlebe. Auch diese Ferienzeit vergeht und es kommt das besondere Jahr 1968 mit dem Prager Frühling 
Und nun bin ich mit meinen Eltern unterwegs nach Woratschen, dem Heimatort des Vaters. Von Marienbad aus fahren wir hin, weil ich nun meinerseits dem Vater die Heimat erklären will. Welch' Unterfangen !!! 
All die Jahre hat er darunter gelitten, sein Zuhause verloren zu haben, nun in diesem besonderen Jahr steht es auch ihm offen. Alles ist ja anders in diesem Jahr. So stehen wir wieder vor der Kirche in Woratschen, wo der Vater als Bub daheim war. Und wir wagen uns hinein, denn diesmal kann ich gemeinsam mit Jan für offene Türen sorgen. Für den Vater ist es ein schwerer Gang durch die offene Kirchentür, aber er wagt den Schritt über die Schwelle. Und da überkommt ihn die ganze Geschichte seiner Kindheit, er erlebt scheinbar im Schnelldurchlauf alles noch einmal. Für einen Moment habe ich Angst um ihn, denn er scheint am Ende seiner Kraft. Es schüttelt ihn, er weint. Doch dann ist er ein anderer Mensch. Es ist eine Last von ihm abgefallen. Plötzlich kann er drüber reden, was einmal war. Vielleicht hat ihm der liebe Gott selber den Mund und das Gemüt geöffnet in diesem Moment in seiner Heimatkirche, als ihn die Geschichte eingeholt hat. 
Ich kann es nicht wirklich verstehen, weil ich es nicht erlebt habe, aber ich bin dankbar, dass ich von diesem Moment an mit meinem Vater über Dinge reden darf, die bisher tabu waren. Nun ist er wirklich mein Vater.