Herzlich Willkommen!
Mein Onkel und ich wünschen Euch viel Spaß beim Lesen und Staunen!
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Donnerstag, 4. April 2013

Prager Frühling

Von Hubert Schierl


Diese Geschichte spielt im Sommer 1968.
Ich habe Semesterferien und begleite meine Eltern für ein paar Tage nach Marienbad. 
Pfarrer Lastovka, der Onkel meines Freundes Jan hat uns ein Quartier besorgt bei Familie Pazourek (auf deutsch heißt das „Pfötchen“). Ich bin gespannt auf die Leute, die so einen lustigen Namen tragen. Wir bekommen zwei saubere Stübchen zugewiesen und lassen es uns in Marienbad gut gehen. Allenthalben spürt man in der Stadt, dass etwas anders ist, als bei uns in der DDR. Alles ist bunt, die Leute laufen mit entspannten Gesichtern durch die Parks und in den Cafe's sitzen die Menschen und lesen Zeitung.Überhaupt sind die Kioske gefüllt mit Zeitungen aus aller Welt. Es gibt keine Beschränkungen mehr, keine Zensur, wir können frei und ungehindert den „Spiegel“ oder die „Frankfurter Allgemeine“ kaufen, die „Prager Volkszeitung“ berichtet ganz offen über die Vertreibung der Sudetendeutschen und das in deutscher Sprache und überall finden sich Fotos vom ersten demokratisch gewählten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomas Mazaryk. Es ist eine fantastische Atmosphäre!!!! 
Nach ein paar Tagen, die ich mit meinen Eltern dort verbracht habe, verabschiede ich mich, denn ich bin in Prag mit meinem lieben Freund Jan verabredet, der im Vorjahr auf der Karlsuniversität sein Mathematik-Studium begonnen hat. Wir treffen uns auf dem Bahnhof Praha-stredni ( Mittelbahnhof, heute wieder Mazaryk-Bahnhof ) und fahren mit der Straßenbahn an den Stadtrand in sein Internat. Dort darf ich für ein paar Tage mit ihm die Bude teilen, denn sein Kommilitone ist schon in den Heimaturlaub abgereist. Also ist ein Bett frei. Kurze Instruktion, wie ich mich zu verhalten habe: Nichts sagen, nichts hören, nichts sehen..........(die drei Affen eben), dann gibt er mir eine Art Hausausweis und eine Karte, die mich zur Verpflegung in der Mensa berechtigt. Er hat an alles gedacht! Logischer Denker eben, der Jan. 
Viele Dinge können wir gemeinsam unternehmen. Jan führt mich durch das alte Prag, an Ecken, die sonst kaum einer sieht, aber wir besuchen auch die Stätten, die man in der Mutter aller Städte (Zlata Praha, Matka Mest) einfach gesehen haben muss. Wir stehen an der astronomischen Uhr am alten Rathaus, sind auf der Karlsbrücke bei den Künstlern, besuchen die Theyn- und die Nikolauskirche, befinden uns in der “Alt-Neu-Schul“, der ältesten Synagoge Europas, wie man mir sagt , lesen dort die unzähligen Namen der getöteten Prager Juden – 30.000 sind es wohl, wenn ich recht erinnere - und legen im jüdischen Friedhof Steinchen auf das Grab von Rabbi Löw, dem Schöpfer des „Golem“, den man getrost als Vorläufer moderner Roboter bezeichnen darf. Aber wir lassen es uns auch gut gehen: Smetanas „Verkaufte Braut“ lernen wir im Nationaltheater an der Moldau persönlich kennen, in den Waldstejn-Gärten unterhalb des Hradschin erleben wir ein Open-Air-Konzert der Prager Philharmonie, bei dem man Pfeife rauchen und chinesischen Orangen-Saft trinken darf und natürlich sind wir auch „U Fleku“ zu finden, der berühmtesten Prager Schwarzbierkneipe. Nur den „Kelch“, wo der gute Schwejk „nach dem Krieg um sechse“ eingekehrt war, lassen wir aus. Aber es ist eh schon alles „Schwejk“ in dieser Stadt im Sommer '68. 
An einem der Tage hat Jan wohl noch in der Uni zu tun – ich weiß es nicht mehr – und ich mache mich allein auf den Weg in die Kleinseite. Ich will nun endlich den Hradcany (Hradschin), die ehrwürdige Prager Burg „erobern“. Nachdem ich mir den St. Veits-Dom „reingezogen“ habe, mache ich mich auf den Weg nach „Zlata Ulicka“, dem Goldenen Gässchen. Dort sollen ja der Überlieferung nach die „Goldmacher“ gewohnt haben. Erfolg hatten sie genau so wenig, wie der sächsische Herr Böttcher. Aber der hat wenigstens noch das Porzellan erfunden. Von den Prager Goldmachern ist solche Mähr nicht überliefert .... . Zum Schluss bewege ich mich noch auf das Präsidentenpalais im Vorhof der Burg zu. Die Fahne oben auf der Zinne sagt, dass Präsident Svoboda (das heißt übrigens „Freiheit“) zuhause ist. Ich folge den Wegweisern und durchstreife Raum für Raum mit kostbaren Ausstattungen, bis in einem ganz bestimmten Zimmer eine freundliche junge Dame an mich herantritt und mir leise, aber bestimmt zu verstehen gibt: „Bitte verlassen Sie diesen Raum wieder in der Richtung, aus der Sie gekommen sind, Sie befinden sich im Vorzimmer des tschechoslowakischen Staatspräsidenten“! Für einen Moment habe ich Ehrfurcht vor mir selber, aber dann stelle ich mir vor, ich dürfte das zuhause erleben, wo schon an jeder Tür in jedem kleinen Polizeirevier ein amtliches Dienstsiegel klebt und alles so schrecklich „geheim“ ist....

Mit schwerem Herzen verabschiedet mich Jan nach unserer gemeinsamen Zeit in Richtung Slowakei. Er mag selber die Slowaken nicht besonders, denn er ist Tscheche mit Leib und Seele, aber er toleriert meine Überzeugung, dass ich keine Unterschiede machen möchte. Schließlich habe ich auch in Trnava (Tyrnau) bei Bratislava (Preßburg) liebe Freunde, die ich endlich mal besuchen möchte.
Trnava /Tyrnau nennen die Slowaken übrigens ihr „Kleines Rom“ aufgrund seiner vielen Kirchen. Eine wunderschöne Stadt in einer noch schöneren Umgebung. Die „Mala Fatra“ (kleine Fatra) ein Nebengebirge der Tatra liegt vor der Haustür und Bad Piestany, das „Teufelsbad“ an dem Fluss Vah (Waag) ist nicht weit weg. 
Ich bin bei Frau Visnovska einquartiert, die ich gemeinsam mit meinen Eltern mal in der Eisenbahn in der Nähe von Dresden kennengelernt habe. Sie war es, die uns erklärte, dass man Paprikaschoten auch essen kann.... . Frau Visnovska stammt ursprünglich aus dem böhmischen Kraslice/Graslitz, hat irgendwann mal den Herrn Visnovsky in Tyrnau geheiratet und spricht perfekt deutsch. Sie lebt mit ihrer Tochter Ewa in einem idyllischen blumengeschmückten, mediterran anmutenden Hinterhof an einer der Hauptstraßen Tyrnaus. Ihr Sohn Benno ist schon verheiratet und leidenschaftlicher Angler auf der Vah. Und der nimmt mich mit zum Fischen, geht mit mir in die Berge der Mala Fatra, zeigt mir alte Burgen und Schlösser mit fantastischen Wildparks. Alles ist einfach nur GUT. Es ist warm, die Sonne scheint, die Menschen sind aufgeschlossen, ich habe ein Quartier und gute Verpflegung und kann im übrigen machen, was ich will. So auch am 11. August, meinem 20. Geburtstag. Ich habe mir vorgenommen, nach Bratislava zu fahren. Man fährt ungefähr eine halbe Stunde mit dem Vorortzug und ist in der slowakischen Metropole. Neben der Altstadt und der „Pressburg“ interessiert mich vor allem die Donau, dieser länderübergreifende Strom, der durch keine Grenze und durch keinen „Eisernen Vorhang“ aufzuhalten ist, seinen Weg durch Europa zu gehen – vom deutschen Schwarzwald bis zum rumänisch-ukrainischen Schwarzen Meer. Einmal will ich „Europa-Flair“ erleben und so kaufe ich mir eine Schiffskarte für eine Donaurundfahrt – stromauf zur oesterreichischen Grenze und dann retour, stromab zur ungarischen Begrenzung. Das ist ein Geburtstag!!!
Da möchte man alle Tage noch mal 20 werden! 
Und dann ist Mittwoch, der 21. August 1968. 
Ich liege noch in meinem Bett im abgedunkelten Raum, der dadurch vor der Hitze bewahrt wird und höre ein seltsames Brummen in der Luft. Na ja, denke ich mir, vielleicht irgendwelche Straßenbauarbeiten, die dich da in aller Frühe wecken. Ich schleiche mich raus und siehe da, meine Gastgeber sind schon wach und aufgescheucht, wie ein Bienenschwarm. Es läuft das Radio aber statt der üblichen morgendlichen Musiksendung nur aufgeregte Stimmen. Ich höre was von „legalni, svobodny ceskosolovensky rhozlas nad Dunaj“, (legaler, freier tschechoslowakischer Rundfunk auf der Donau – gesendet wird offensichtlich von einem Donauschiff aus, abwechselnd auf tschechisch, slowakisch, deutsch und ungarisch), kann mir kein Bild machen und erfahre, was geschehen ist: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben die Armeen des Warschauer Vertrages (außer die rumänische Armee) in der vergangenen Nacht die gesamte Tschechoslowakei besetzt.
Angeblich sind sie gerufen worden, um der drohenden Konterrevolution zuvor zu kommen...... An Frühstück ist nun nicht mehr zu denken, ich laufe auf die Straße und sehe ungarische Militär- Jeeps straßauf, straßab fahren. 
Ich laufe Richtung Zentrum, wo sich das Rathaus, die Post, das Fernmeldeamt und andere Behörden befinden und sehe dort sowjetische Soldaten in voller Montur stehen. Mit meinen drei Brocken Russisch rede ich sie an und erfahre, dass die armen Schweine gar nicht wissen, wo sie sich befinden. Sie sind der Meinung, sie seien in Westdeutschland und müssten den Klassenfeind besiegen und den Sozialismus retten.Ich laufe zurück zu meinen Gastgebern und berichte. Die haben inzwischen die Information, dass die slowakische Grenze nach Oesterreich weit offen steht und jederzeit von jedermann frei passiert werden kann.
Benno mahnt mich zur Eile und sagt: „Das kann nicht lange so sein, dann sind die Russen auch an der Grenze, wenn Du willst, pack' Deine Sachen, meine „JAWA“ steht draußen, ich fahre Dich nach Wien!“. In der Tat bin ich einen Moment am überlegen, aber dann sage ich mir etwas von den Eltern in Oelsnitz, dem Studienplatz in Leipzig, den Freunden und überhaupt der gewohnten Umgebung. 
Ich danke dem Benno – er selber fährt auch nicht. So geht das nun viele Tage weiter: Jeden Tag die gleiche Runde – Postamt mit der russischen Bewachung, um vielleicht eine Nachricht nach Hause zu schicken, Rathaus, um zu erfahren, was los ist, Bahnhof, um zu schauen, ob schon wieder Züge fahren............. Mein Vorteil ist, dass ich die Sprache inzwischen halbwegs beherrsche. Man hält mich zwar nunmehr für einen Tschechen, aber das ist weitaus besser, als würde man den DDR-Menschen in mir erkennen. Das gäbe wahrscheinlich den angestauten Volkszorn....! Komischerweise hat die Menschen trotz der dramatischen Ereignisse der Galgenhumor nicht verlassen. Der Schwejk wohnt nun auch in der Slowakei. Alle wichtigen Wegweiser auf den Straßen sind abgebaut, die Schilder auf dem Bahnhof fehlen und statt dessen prangen überall große Tafeln: „Moskau – 2000 km / Berlin – 800 km / Budapest – 150 km usw. Freche Sprüche, die nur auf slowakisch funktionieren kommen über das Radio, aber die Berichte werden spärlicher, ein „Piratensender“ nach dem anderen gibt den Geist auf und so versinkt das Land nach und nach in bleiernem Schweigen. 
Die Sonne scheint nicht mehr so hell, die Blumen blühen anders, die Menschen schauen traurig drein – nur die russischen Soldaten stehen brav auf „Friedenswacht“. Nach ca. zwei Wochen erfahre ich, dass es wieder eine Zugverbindung Richtung Prag geben soll und dann weiter in Richtung Dresden. 
Ich nehme den ersten Zug und durchquere ein gestorbenes Land. Alles liegt trist vor mir. Ich mag eigentlich nicht weg, aber ich bin mir sicher, die Eltern machen sich Sorgen...... Ich komme in Tetschen / Decin an und sehe ein uriges Gewimmel auf dem Bahnhof. Leute laufen aufgescheucht durcheinander, zwischendrin DDR-Soldaten, die für Ordnung sorgen. Irgendwie denke ich, dass ich solche Bilder schon mal im Kino gesehen habe, aber aus einer anderen Zeit. Dann werden umgebaute Güterwaggons bereitgestellt – grün angestrichen und mit Fenstern und Sitzbänken versehen. Wenigstens soviel, sonst wäre der Vergleich erdrückend ... . Die Grenzkontrolle ist hart. Vor allem wird Gedrucktes gesucht. Filme werden konfisziert. Aber die Bilder in unseren Köpfen können sie uns nicht nehmen. Die bleiben für immer. 
Schade um dieses schöne Land, das nun in einer Art Dornröschenschlaf liegt. Als ich nach Oelsnitz zurück komme ist natürlich die Erleichterung groß. Nebenbei erfahre ich, dass der Staatssicherheitsdienst schon ein paarmal bei meinen Eltern war. Immerhin habe ich bei der abendlichen Volkszählung offensichtlich gefehlt und man hatte sich an höherer Stelle Sorgen um mich gemacht .... .











Mittwoch, 3. April 2013

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

Von Hubert Schierl

Zwei Jahre kenne ich Jan jetzt schon, den Pfarrerssohn aus dem Riesengebirge, dessen Vater wegen seines Widerstandes gegen die Deutschen selber für einige Zeit im deutschen KZ-Lager war. 
Viele Dinge weiß ich ja. Ich kenne die Hausnummer von Vaters Elternhaus und stehe plötzlich davor. Klein kommt es mir vor, viel kleiner, als Vater es mir erzählt hat. Aber nun stehe ich davor und wage den Druck auf den Klingelknopf.
Leider ist Pfarrer Semeradt schon verstorben, ich kann ihn nicht mehr kennen lernen, aber seine Frau, die Schwester von Pfr. Lastovka aus Marienbad, ist die Mutter meines lieben Freundes. Sie arbeitet inzwischen in Podersam / Podborany in Mittelböhmen als Lehrerin, also genau in dem Gebiet, aus dem mein Vater stammt – unmittelbar an der ehemaligen Sprachgrenze zwischen deutscher und tschechischer Bevölkerung. Da liegt es schon nahe, dass ich meinen Freund Jan darum bitte, mir die Heimat meines Vaters zu zeigen, von der ich aus Erzählungen so unheimlich viel weiss, das ich manchmal denke, ich sei selber dort groß geworden. 
Und so fahren wir eines Tages mit dem Bus nach Woratschen / Oracov und erkunden das Dorf, in dem der Vater seine Kindheit verbracht hat und das für ihn ein wahres Märchenland geworden ist in der Verklärung der Vergangenheit. Für Jan ist es auch schwierig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber da müssen wir durch.... Jeder muß mit seiner Vergangenheit klar kommen – später werden wir spüren, dass uns eben diese verschiedene Vergangenheit zu Brüdern macht
Eine Frau kommt mir zögerlich entgegen, in der Hand ein Schriftstück. Sie hat uns wohl gesehen, meinen Freund Jan und mich und vorsichtshalber schon mal die Kaufurkunde für das Haus mitgebracht. Vielleicht waren zu der Zeit mehr „Ehemalige“ unterwegs ?? Ich habe mit Hilfe von Jan jede Menge zu tun, der guten Frau zu erklären, dass wir nicht das Haus enteignen wollen, sondern ich nur sehen möchte, wo meine Großmutter Brot gebacken hat... . Dann wird sie ganz zugänglich und ich darf mir alles anschauen ... die Stuben, den Backofen das Nebengelass, den Stall - und ein Stück Geschichte wird für mich Gegenwart.Plötzlich stehen die Erzählungen des Vaters plastisch vor mir und ich erlebe nach, was er als Bursche erlebt hat. Für einen damals 19-jährigen Studenten am Ende des ersten Studienjahres wahrlich eine große Aufgabe ... . 
Wir ziehen weiter die Dorfstraße hinab, an der Mittelmühle vorbei Richtung Dorfplatz, wo die katholische Kirche steht. Das Gebäude ist natürlich verschlossen und macht auch einen ziemlich verfallenen Eindruck, aber ich fühle nach, dass der Vater vor Jahren hier ein- und ausgegangen ist, als Ministrantenbub sich vielleicht den einen oder anderen Streich erlaubt hat – vielleicht haben die damaligen Ministranten auch schon mal heimlich vom Messwein des Pfarrers gekostet ... . Und ich fühle den Hauch der Geschichte an mir vorüberziehen. 
Es ist ein eigenartiges Gefühl ... . Als wir dann letztendlich der Kirche gegenüber vor dem Haus der Frau Weinert stehen, ist der Schock perfekt: „Jessas na, der Koarl“, ruft es nach unserem Klopfen und der ersten Sichtprüfung aus dem Hof hinter der verschlossenen Pforte. Da ist wohl wirklich für die Frau Weinert die Zeit stehen geblieben und sie verwechselt mich mit meinem Vater, der in meinem jetzigen Alter damals die Heimat in Richtung Wehrmacht und Krieg verlassen hat. Schnell ist zumindest dieses Mißverständnis aufgeklärt, aber mit meinem Freund Jan will sie sich noch nicht anfreunden. Es kostet mich einige Mühe, dass er auch Zutritt zum Hause Weinert bekommt und ihm gegenüber ist es mir schon peinlich - schließlich befinde ich mich auf tschechoslowakischem Staatsgebiet ... . 
Am Ende kann ich alles aufklären und man versteht sich. Schön – ein wenig Versöhnung haben wir schon mal geschafft!Wir gehen den Dorfplatz hinunter bis zur Brücke und dort treffen wir noch Frau Schnabel. Beide Frauen, Frau Weinert und Frau Schnabel durften bleiben bei der großen Vertreibung, weil sie für den tschechoslowakischen Staat wichtig waren, sei es durch Heirat oder durch den Beruf.
Und beide Frauen können mir erzählen wie es früher war. 
Es ist ja gerade mal 30 Jahre her, aber unsere – die Sicht von Jan und mir – ist eine anderegeworden. Wir waren nicht dabei. Wir fühlen uns durch den gemeinsamen Glauben an denliebenden Gott verbunden und so spielen die Grenzen der Nationalität keine Rolle mehr, wir sind nur noch Brüder. So wird Geschichte plötzlich lebendig und ich werde lange zu denken haben an dem, was ich da erlebe. Auch diese Ferienzeit vergeht und es kommt das besondere Jahr 1968 mit dem Prager Frühling 
Und nun bin ich mit meinen Eltern unterwegs nach Woratschen, dem Heimatort des Vaters. Von Marienbad aus fahren wir hin, weil ich nun meinerseits dem Vater die Heimat erklären will. Welch' Unterfangen !!! 
All die Jahre hat er darunter gelitten, sein Zuhause verloren zu haben, nun in diesem besonderen Jahr steht es auch ihm offen. Alles ist ja anders in diesem Jahr. So stehen wir wieder vor der Kirche in Woratschen, wo der Vater als Bub daheim war. Und wir wagen uns hinein, denn diesmal kann ich gemeinsam mit Jan für offene Türen sorgen. Für den Vater ist es ein schwerer Gang durch die offene Kirchentür, aber er wagt den Schritt über die Schwelle. Und da überkommt ihn die ganze Geschichte seiner Kindheit, er erlebt scheinbar im Schnelldurchlauf alles noch einmal. Für einen Moment habe ich Angst um ihn, denn er scheint am Ende seiner Kraft. Es schüttelt ihn, er weint. Doch dann ist er ein anderer Mensch. Es ist eine Last von ihm abgefallen. Plötzlich kann er drüber reden, was einmal war. Vielleicht hat ihm der liebe Gott selber den Mund und das Gemüt geöffnet in diesem Moment in seiner Heimatkirche, als ihn die Geschichte eingeholt hat. 
Ich kann es nicht wirklich verstehen, weil ich es nicht erlebt habe, aber ich bin dankbar, dass ich von diesem Moment an mit meinem Vater über Dinge reden darf, die bisher tabu waren. Nun ist er wirklich mein Vater.