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Montag, 3. März 2014

Vorfahren

von Hubert Schierl

Eigentlich war ich ja mal der Letzte in der Sippe der Schierls aus Woratschen in der ehemaligen Tschechoslowakei, die ganz früher mal Oesterreich – Ungarn war, dann als eigenständiger demokratischer Staat, mit dem Namen „Tschechoslowakische Republik“(mit ihrem legendären Präsidenten Tomas Mazaryk) existierte (eine zu damaligen Zeiten sehr moderne demokratische Republik übrigens), kurze Zeit gemäß dem „Nürnberger Abkommen“ widerrechtlich dem Deutschen Reich einverleibt wurde und nun zu Zeiten meiner Kindheit ein Sozialistischer Staat im Einflussbereich der großen Sowjetunion ist. Eben die „Tschechoslowakische Sozialistische Republik“ (CSSR): Der Großvater ist jedenfalls noch k.u.k (kaiserlich-königlicher) Obergefreiter oder Feldwebel gewesen oder zumindest so etwas ähnliches – ich kenne mich da nicht so aus, weil ich nie „gedient“ habe (jedenfalls kenne ich ein Foto, das ihn mit dem für solche Dienstgrade typischen Schnauzbart zeigt...). Er dient im Oesterreichischen Heer und ist gleichzeitig Einwohner der böhmischen Gemeinde Woratschen / Oracov im Mittelböhmischen Bezirk Podersam / Podborany, nicht weit weg von Prag. Verheiratet ist er mit Antonia, geb. Plohner aus der Nachbargemeinde Tschentschitz / Petersburg (Cerncice / Petrohrad) und die beiden fristen ein bescheidenes aber zufriedenes Leben in Woratschen. Sie haben ein kleines Häuschen, der Großvater verdient sich sein Geld im Sommer als Maurer, im Winter als Straßenmeister und die Großmutter hält den Haushalt in Ordnung und kümmert sich um die drei Kinder, Karl, Annemarie (genannt „Antsch“) und Eleonore (später „Lori“) , versorgt die Ziege, die Kuh des kleinen Mannes, und backt Brot. Nebenbei ist sie noch in der Mittelmühle in Arbeit. Und dann gibt es da noch eine Urgroßmutter, die ich naturgemäß nie kennen lernte, mit nur einem Auge, die im Leben meines Vaters wohl eine große Rolle gespielt hat.... So hat er es mir jedenfalls erzählt. Es soll eine behütete Kindheit gewesen sein, die der Bub Karl mit seinen Schwestern und seinen Freunden im Dorf erlebt hat. Ich kenne da Geschichten, die mich ahnen lassen, dass in den Kinder – und Jugendjahren von Karl „viel los“ war. Vor allem mit seinem Freund „Peppi“, dem Buben vom Mittelmüller mit dem schönen böhmischen Namen „Mrazek“, hat er viel erlebt. Und als die beiden sich im höheren Alter endlich wieder gefunden haben, bleibt kein Auge trocken vor Wiedersehensfreude und dem Erzählen alter Geschichten.

Aber jede Kindheit geht zu Ende und es kommt der Tag des Schulabschlusses auf der Bürgerschule in Jechnitz / Jesenice und damit der Beginn der Lehrzeit bei einem Bäckermeister Kuhn in Kriegern /Kryry, ein paar Dörfer weiter aber immerhin so weit weg von daheim, dass ein tägliches Heimkommen unmöglich ist. Und so muss der 15-jährige Lehrling beim Herrn Meister und der Frau Meisterin sein zuhause finden. Sicher ist es ihm schwer gefallen, die behütete Umgebung seiner Heimat aufzugeben, ist er doch mit Leib und Seele gern daheim in Woratschen. Der Rest der Lehrzeit ist schnell erzählt: Früh am Morgen aufstehen, Mehlsäcke schleppen, Teig kneten, Brot schieben und womöglich die fertige Ware auch noch ausliefern an die Leute, die sich das leisten können.
So mag es eine Erleichterung sein, als im Jahr 1938 das NS-Regime die „sudetendeutschen Gebiete“ dem „Reich“ einverleibt und plötzlich ist der Karl ein „Reichsdeutscher“ und alle Chancen stehen ihm offen. Er ist clever, lässt den Bäckerberuf saussen und geht zur Reichspost als Fernmeldemechaniker, wie man heute vielleicht sagen würde. Berlin ist das Ziel der Wünsche! Man stelle sich vor: Der junge Karl aus Woratschen im „Sudetengau“ ist plötzlich in der Reichshauptstadt mit ihren Millionen von Einwohnern !!!!! Dort wird er dann auch bald „eingezogen“ zur „Wehrmacht“. Mit Glück entgeht er als „Volksdeutscher“ der Einberufung zur „Waffen-SS“ und kommt zur normalen Truppe. „Nachrichtenregiment 40“ - lautet von nun an seine Feldpostnummer. Und dann geht es schon bald ab in den Krieg. Frankreich, Russland, Jugoslawien, wieder Frankreich – das sind grob seine Stationen kreuz und quer durch Europa, immer im Dienst eines verbrecherischen Systems. Aber er hat einen Eid abgelegt auf den „GRÖFAZ“, den „Größten Feldherrn aller Zeiten“. Und so heißt es denn durchhalten, fast bis zuletzt........
Zwischendurch ist aber mal Ruhezeit in Oelsnitz im Vogtland, für den Karl bis dato sicher ein „böhmisches“ (oder vogtländisches ???) Dorf............
Da ist er einquartiert – Privatquartier – bei der Familie Beissert in der Bachstrasse 23. Immerhin ist er inzwischen „Stabsgefreiter“ und da steht ihm ein solches Quartier wohl zu. Interessant ist nur, dass nebenan eine Familie Passolt wohnt und es da eine hübsche Haustochter im Alter von niedlichen 20 Jahren gibt. Der lohnt es wohl, den Hof zu machen und ab und an mal ein Blümchen vorbei zu bringen. (Ei, 30 Jahre später habe ich selbiges an ganz anderer Stelle auch getan!!) So ergibt eins das andere, aus Karl und Elisabeth wird zunächst ein Braut- und später 1943 ein Ehepaar. Einzelheiten deckt der gnädige Mantel der Geschichte zu..............

Immer noch ist Krieg und keiner kann wissen, ob Karl wieder lebendig und gesund aus diesem zweifelhaften Abenteuer zurück kommt. Die beiden haben es trotzdem riskiert. Am Ende geht es gut, der Karl entlässt sich
selber in Wuppertal aus der Wehrmacht, fährt mit einem „requirierten“ Fahrrad von dort aus quer durch alle Front- und Besatzungslinien „heim“ nach Oelsnitz, um dort mit seiner Elisabeth eine Bäckerei in der Georg- später Walther -Rathenau – Str. zu betreiben, die aber letztendlich auch enteignet wird, da die Elisabeth Flüchtlinge ohne Lebensmittelkarten durchfüttert. Dort riskiere ich im Jahr 1948 meine ersten Blicke in die damals gar nicht so unkomplizierte Welt. Es ist Nachkriegszeit, den Leuten geht es nicht so gut und letztlich habe ich Glück, dass es Verwandte in Amerika gibt, die ab und an Pakete mit Lebensmitteln schicken.So werde ich groß und stark und bin nun in Oelsnitz daheim. Vater ist kein Bäckermeister mehr, sondern geht bei der Reichsbahn auf dem Bauzug seiner Arbeit nach, was bedeutet, dass ich ihn nur an einem Tag in der Woche mal kurz sehen kann. Sonst ist er unterwegs in „Klein-Texas“ im Erzgebirge bei Johanngeorgenstadt, wo die „Wismut“ wütet und Uran abbauen lässt für Stalins Atombombe. Der Wahnsinn soll ja weiter gehen – 50 Millionen Tote sind noch lange nicht genug........
Gleise abbauen, um die Schienen in die Sowjetunion zu bringen als Reparationsleistung und gleichzeitig Gleise neu verlegen, um die abgebauten Bodenschätze in eben jenes Land zu bringen wie man mir erzählt hat, sogar teilweise in russischer Breitspur um das leidige „Umspuren“ in Brest-Litowsk zu vermeiden. Den Rest meiner frühen Kindheit verbringe ich mit der Mutter und bis 1954 mit der Oma Katharina, genannt „Linna“ , die mich in die biblischen Geschichten einführt und mir tolle Geschichten von Jesus und seinen Freunden erzählt. Es folgt meine Schulzeit, ohne Pionierhalstuch, entgegen dem damaligen Brauch. Auch der „Freien Deutschen Jugend „ (FDJ) will ich nicht beitreten und versuche, meinen Weg außerhalb der gültigen Normen zu gehen. Selbst als ich in der 9.Klasse der Schule verwiesen werden soll, weil ich nicht „konform“ gehe, riskiere ich das mit Hilfe meiner Eltern, die treu zu mir halten und kann letztendlich wenigstens die „Mittlere Reife“ ablegen, die mich dazu berechtigt, ein Fachschulstudium aufzunehmen.
Und da bewahrheitet sich die alte Weisheit: Wer zu Gott Ja sagt, zu dem tut er es auch!

Sybille

Hubert Schierl

Wir sind mal wieder in Siebenbürgen, Anne und ich. Wir schreiben 2005, es ist September und damit beste Traubenlesezeit. Gern fahren wir dorthin, wenn der große Trubel vorbei ist und wir die wenigen Martinsdorfer, die es noch gibt, für uns haben können. Dann kann man in Ruhe mal über etwas reden. Beileibe nicht nur über vergangene Dinge, nein, wir wollen wissen, wie es den Leuten aktuell geht und wo wir eventuell helfend eingreifen können. Oft sind es ja die ganz kleinen Dinge, an die keiner denkt, die aber gemacht werden müssen. Und wenn es mal ein paar Tabletten sind, die da gerade jemand braucht. Nun ja, es ist wieder recht schön, das Wetter stimmt auch und wir fühlen uns wohl in Annes alter Heimat.

Am Sonntag soll Gottesdienst sein in der Martinsdorfer Kirche und es soll einePfarrerin aus Mediasch kommen. Martinsdorf hat ja schon lange keinen Pfarrer mehr, die Strukturen haben sich radikal geändert, alles geschieht nur noch über Mediasch und die dortigen Pfarrer haben alle Hände voll zu tun, die vielen Landgemeinden regelmäßig zu betreuen. Aber mit ganz großer Treue und mit ganz viel persönlichem Engagement schaffen es die wenigen Mitarbeiter immer wieder, dass sie alle Gemeindeglieder sammeln und am Gottesdienst teilhaben lassen. So bringt die Pfarrerin eben einfach auch Gemeindeglieder aus Rosch mit nach Martinsdorf und ganz selbstverständlich lassen die Leute sich das gefallen. Man hat sich eingefunden in die Diaspora-Situation. Etwa 30 Mitglieder zählt die Evangelische Kirchgemeinde A.B. in Martinsdorf noch. Für uns eine Situation, die wir nur schwer verkraften können. Haben wir doch diesen Ort noch immer als eine blühende sächsische Gemeinde in unserem Gedächtnis................
Und diese Bilder gehen nur ganz schwer wieder aus dem Kopf. Nun, es ist, wie es ist, wir treffen uns - (wie immer schon vor dem Glockenläuten ) - vor dem Gottesdienst, stehen noch ein wenig auf dem Schulhof vor der Kirche herum und warten, wer da kommen wird – da fällt uns ein kleines Mädchen auf. Anderthalb Jahre mag die Kleine alt sein. Sie ist sehr hübsch zurecht gemacht, ein niedliches Kind eben. Etwas abseits hält sich ein junger Mann auf, offensichtlich der Vater, denn er ruft sie manchmal beim Namen : „Sibylle“

Wir denken uns nichts dabei und gehen in die Kirche, der Gottesdienst soll nun beginnen. Und da geschieht etwas sehr sonderbares: Dieses kleine Mädchen, von dem wir inzwischen wissen, dass es Sibylle heißt, schlängelt sich durch die Kirchenbänke bis hin zu Anne, bleibt kurz stehen und wartet, was geschieht. Freilich kann Anne nicht anders, als das kleine Wesen aufzunehmen und auf ihren Schoß zu setzen. Und da sitzt sie nun, die kleine Hübsche, schaut munter um sich, blättert im Gesangbuch und ist ein wahres „Musterkind“ im Gottesdienst. Derweil hält die Frau Pfarrerin ihre Predigt – später erfahren wir, dass es eine ihrer ersten in Martinsdorf war – und der Gottesdienst geht zu Ende. Immer noch sitzt das kleine Mädchen auf Annes Schoß und will sich gar nicht trennen. Aber wir müssen die Kirche irgendwann mal verlassen und ich sage zu Anne:
„Entweder haben wir jetzt 50 Euro oder wir haben ein Problem“- worauf Anne meint:
„50 Euro haben wir aber nicht.......!!!“ Und das ist der Anfang einer langen Geschichte, die wir von nun an gemeinsam mit Sibylle schreiben werden. 

Und nach und nach erfahren wir die wahre Geschichte: Da müssen wir zurück in das Jahr 1988. Helmut – der spätere Vater von Sibylle – ist ein ganz junger Mann und er will in die
Freiheit. Bei seiner Tätigkeit als Schneider in einer Hermannstädter Firma, die für den Westen arbeitet, stellt er immer wieder fest, wie gut die Manager aus dem Westen gekleidet
sind und wie sie großzügig mit Geld umgehen können. Dabei ist er selber ziemlich arm und seine Familie in Rosch ist noch ärmer. Was liegt also näher für den jungen Mann, als dem vermeintlichen Reichtum nachzureisen. Und so liegt der Gedanke nahe: „Da, wo es das Geld gibt, willst du auch hin...“
Es ist der 23. August 1988, der rumänische Nationalfeiertag. An eben diesem Tag haben die rumänischen Truppen im Jahr 1944 die Front gewechselt und waren von den Deutschen zu den Russen übergewechselt, haben die Karabiner umgedreht, haben ihren König in die Wüste geschickt und feiern diesen Tag nunmehr als den Tag der „Befreiung“. Es ist der größte Nationalfeiertag in Rumänien, Ceausescu hat Jubel angesagt und befohlen........
Diesen Tag wählt sich Helmut, um heimlich über die Grenze nach Jugoslawien zu verschwinden. Er meint, dass die rumänischen Grenzbeamten an diesem Tag sowieso nur feiern und saufen und er im Schatten dieser Feierlichkeiten ungehindert über die Donau nach Serbien kommen könnte. So versucht er es halt. Ohne Landkarte und Ortskenntnis und vor allem ohne die Fähigkeit zum Schwimmen. Das hat er nie gelernt. Er wird natürlich „geschnappt“. Es gibt auch in Rumänien genügend „Grenzhelfer“, die ganz genau darauf achten, wer im Grenzgebiet sein darf und wer nicht. Die Stunden nach seiner Festnahme sind schrecklich. Zunächst fesselt man ihn irgendwo in einer Grenzwache an ein Bettgestell, dann kommt die „Securitate“ und nimmt ihn mit. Zunächst hat er keine Ahnung, wo er sich befindet, wird nur immer wieder verhört und geprügelt und die Securitate – Leute machen es besonders infam: Sie lassen ihn von Mitgefangenen verhauen, von Leuten also, die es auch versucht hatten, über die Grenze zu kommen oder noch schlimmere Dinge auf ihrem Kerbholz haben, richtige Verbrecher, vielleicht auch Mörder. Sein persönlicher Nachteil: Er ist Deutscher (Siebenbürger Sachse) und deswegen bei den Rumänen schon von Natur aus ziemlich mies angesehen. Man beschimpft ihn als „Hitleristen“, der Hass ist zügellos und als er das nicht möchte, gibt es erneut Prügel........ 
Am Ende landet er in Jilava im Securitate-Gefängnis und muss dort bleiben, bis man ihn, schwer geschädigt, nach Hause entlässt. Dort müssen erst einmal seine zerschundenen Füße und der geprügelte Rücken behandelt werden, aber um seine zerschundene Seele kümmert sich niemand............... 
So ist der Weg in die Psychiatrische Klinik Hermannstadt nicht sehr weit. Immer wieder muss er da behandelt werden, aber keiner hilft ihm wirklich, das Trauma seiner Haft zu verarbeiten. Im Gegenteil: Die „Ärzte“ testen an ihm irgendwelche Psychopharmaka im Auftrag westlicher Firmen. Selbst während und gerade nach der „Wende“ ist er noch immer das Versuchskaninchen im Auftrag internationaler Pharmakonzerne. Keiner sagt es ihm, aber irgendwie spürt er es doch. So mag es für ihn ein Segen sein, dass er Christina kennen lernt, die später die Mutter von Sibylle sein wird, eben dem Mädchen, das wir in der Kirche von Martinsdorf kennen lernen. Es hätte alles wohl auch sehr schön sein können. Wenn nicht die „Mutter“ Christina ihr Baby im Alter von gerade mal 6 Monaten einfach im Stich gelassen und sich unbekannten Ortes entfernt hätte. (Später werden wir erfahren, dass es da noch andere Kinder gibt, die sie samt und sonders der staatlichen Obhut übergeben hatte.) Nun ist er allein mit seinem Kind und mit seiner Behinderung. Lange kann das nicht gut gehen und so ist es ein Segen, dass die Hausärztin, die gleich nebenan ihre Praxis hat, sich der beiden annimmt. Von Stund`an wird Sibylle nun frühmorgens aus dem Fenster der Wohnung ihres Vaters gereicht, wird bei der Ärztin gewaschen, versorgt, mit einem Frühstück versehen und von der Sprechstundenhilfe per Fahrrad und mit Hilfe einer Obstklappkiste in den Kindergarten im Nachbarort gefahren. Helmut kann derweil seinen Cocktail an Psychopharmaka ausschlafen.............
So geht das eine gute Weile, bis wir wieder da sind und gemeinsam mit der Ärztin festlegen, dass es so nicht wirklich weiter gehen kann. Denn: Was wäre wenn............ 
...der Helmut mal wirklich austickt ???????????????
...er seine Pflichten grob übersieht ????????????????
...er sein Kind nicht mehr ernähren kann ??????????
Von der Zeit an wohnt Sibylle in der Arztpraxis und Helmut muss damit leben lernen. Für das Kind ist es gut. Wir haben einen Vertrag gemacht. Und wir geben uns alle Mühe, dafür zu sorgen, dass es dem kleinen Mädchen an nichts fehlt. Immer wieder schicken wir mit dem Buspaketdienst von „Atlassib“ Pakete mit Nahrungsmitteln und Kleidung für die kleine Sibylle und freuen uns, dass wir an ihrer Entwicklung Anteil haben dürfen. So geht das über die Zeit. Irgendwann kommt Helmut mit seiner Tochter über Weihnachten zu uns. Sibylle ist inzwischen drei Jahre alt und spricht kein Wort deutsch. 
Da kommen wir auf die Idee, sie nach Weihnachten im Kindergarten unserer Enkelkinder Elisabeth und Maximilian für eine Woche anzumelden. Und siehe da, bereits nach zwei, drei Tagen kann selbst ich mich mit diesem Kind unterhalten. Sie kann es !! Wahnsinn, wie schnell Kinder lernen !!!!!!!!!!!!!
Ab diesem Zeitpunkt steht für uns fest: Sibylle muss irgendwann mal auf eine deutsche Schule gehen. Wir wissen, dass es solche in Rumänien gibt, aber wir wissen nicht genau wo. Und so ist es wohl Fügung, dass ich eines schönen Tages in Martinsdorf bei unserer lieben Freundin Hanni zum Kaffee sitze und mir gegenüber eine Frau, die ich für eine Urlauberin halte. „Nein“, sagt sie, „ich bin Grundschullehrerin in Alzen“, das ist eine Gemeinde im Harbachtal, etwa 20 Kilometer von Martinsdorf und Rosch entfernt. Nun ist natürlich klar, was wir wollen: Wir möchten Sibylle auf diese deutsche Schule schicken und zu genau dieser Lehrerin, Frau Müller, die sich der Kinder in besonderer Weise annimmt. Und siehe da, es gelingt uns. Sibylle wird wenige Tage vor ihrem 6. Geburtstag in Alzen in die erste Klasse der deutschen Abteilung der Grundschule eingeschult. Was für eine Freude!!! Von da an sind Sibylle und Frau Müller ein eingeschworenes Team! 

So geht das bis zum Abschluss der 4. Klasse. In den Sommerferien ist Sibylle nun auch ohne den Vater bei uns und wir haben mit all den anderen Enkelkindern recht viel Spaß. Freilich gibt es in Hermannstadt immer wieder Zoff mit dem Jugendamt. Plötzlich soll die Mutter, die ihr Kind einfach im Stich gelassen hatte, wieder gewisse Rechte erhalten, keiner weiß wirklich was gehauen und gestochen ist und Anne verbringt eine geschlagene Woche auf dem rumänischen Jugendamt, um dafür zu streiten, dass Sibylle bei der Ärztin, Tante Ileana, bleiben darf. Es sind schlimme Stunden und Urlaub wäre ganz etwas anderes... Am Ende dürfen wir sie wieder mitnehmen zu uns nach Deutschland, wo sie sich doch auch wie zuhause fühlt und ein wenig von dem ganzen Stress erholen kann. Unsere Enkelkinder sorgen immer wieder dafür. Sie haben einander einfach lieb.

Besuch aus Siebenbürgen

von Hubert Schierl

Fast ein Jahr sind Anne und ich nun schon verheiratet. Mein Vikariat in der Plauener Markuskirche habe ich im wesentlichen mit dem Einbau der großen Kirchenfenster zugebracht. Taufen und Trauungen darf ich noch nicht vollziehen, da ich noch nicht ordiniert und damit noch kein „richtiger“ Pfarrer bin und an die Beerdigungen läßt mich mein Chef auch nicht ran. Also lerne ich Kirchenfenster einzubauen... Zumindest der Kirchgemeinde bringt das einen billigen Handlanger ein. Auch die Ausbildung zum Katecheten (d.h. für die Erteilung des kirchlichen Religionsunterrichtes) bei der Frau Bezirkskatechetin Fritzsche (manchmal nennen wir sie auch „Bezirkskatastrophe“, weil sie uns ganz schön scheuchen kann und ganz toll schrecklich mit ihrem Diensttrabi durch die Kante fährt, vor allem um die Rechtskurven !!.), habe ich absolviert, jeweils ein halbes Jahr Zeit, um das „Handwerkszeug“ für ein Pfarrerleben zu erlernen – eigentlich schon Wanhsinn....!!!!! Aber wie hat mal einer mein er alten Lehrer in Oelsnitz vor Jahren gesagt ? „Wissen heißt wissen, wo's steht“! Und das habe ich mir gemerkt !!!!
Die Einzimmerwohnung bei der Pfarrerwitwe Brunner in Plauen mußten wir für den nächsten Vikar räumen und so sind wir vorübergehend in Oelsnitz bei den Eltern untergekommen, bis wir was Eigenes – unsere erste Pfarrstelle – kriegen. Das ist auch gut so, denn in den nächsten Wochen soll unser erstes Kind zur Welt kommen und da ist es schon ganz gut, wenn die junge Mutter ein wenig Beistand hat, zumal für mich zum Ende des Sommers die Ausbildung in Leipzig auf dem Predigercolleg St. Pauli weitergehen soll. Da denkt der Mensch, mit 7 (sieben) Jahren Studium ist es genug – falsch gedacht. Jetzt geht das alles nochmal los..... Das zweite Examen wartet und das wird vor den Gremien der Landeskirche, d.h. vor dem Herrn Landesbischof und seinen Oberlandeskirchenräten abgelegt. Eine Diensteignungsprüfung ist das sozusagen. Und dafür muß natürlich nochmal „gepaukt“ werden, denn die Herren aus dem Landeskirchenamt wollen es schon noch einmal genau wissen, was die Kandidaten für das Predigtamt auf ihren jeweiligen Hochschulen gelernt haben. Auch Latein, Griechisch und Hebräisch stehen auf der Agenda!!! Deshalb dieses halbe Jahr in Leipzig.

Damit für Anne die Trennungszeit nicht gar zu schwer sein wird, hat sich Vater Hans aus Siebenbürgen zum Besuch angesagt und will den „kleinen“ Hans auch mitbringen. Immerhin wollen die beiden schon mal nachschauen, wo die Tochter und große Schwester denn nun untergekommen ist. Es ist Ferienzeit und die beiden haben es geschafft, den Pass in die DDR zu bekommen. So darf ich sie schließlich in Dresden vom Balt-Orient-Express abholen. Schon bald auf der Heimfahrt spüre ich jedoch, dass es dem Vater Hans gar nicht so recht gut geht. Öfter mal muß ich unterwegs eine kleine Pause einlegen, er will aussteigen und sich die Beine
vertreten, wie er sagt. Ich schiebe es auf die Strapazen der Reise und die stressige Zeit vorher. Aber auch in Oelsnitz, nachdem er sich ausruhen konnte, will sein Zustand sich nicht wirklich ändern. Und dabei hatte er sich eigentlich nur gewünscht, einmal Bockwurst zu essen und Bier zu trinken bis zum Abwinken, denn diese Delikatessen gab es in Siebenbürgen nur ganz selten und wenn ja, auch nur in minderwertiger Qualität. Trotzdem gehen wir am Abend mal in die Kneipe um die Ecke, aber nach der einen Bockwurst ist schon Schluß, er mag nicht mehr. Ein wenig mehr Glück hat der „kleine“ Hans, 11 Jahre alt und ein cleveres Bürschlein. Ihn haben wir mitgenommen ins Wirtshaus zu Bockwurst und Sprudel und siehe da, am Nachbartisch sitzt der Hans Methner, der Tankstellenbesitzer und Propangasfachmann. Und dem fällt der junge Bursche auf. Spontan bekommt der „kleine“ Hans Löprich aus Martinsdorf eine Einladung, den „großen“ Hans Methner aus Oelsnitz doch mal in seiner Tankstelle zu besuchen, weil sie eben beide HANS heissen. Daraus wird sich eine innige Freundschaft entwickeln....
Um den Vater müssen wir uns allerdings große Sorgen machen. Von Tag zu Tag wird sein Zustand bedenklicher. Er kann nichts essen, hat keinerlei Freude an dem, was er erlebt und wird immer apathischer.. Letztendlich muß er zum Doktor. Ein Glück, dass es ein Gesundheitsabkommen zwischen Rumänien und der DDR gibt und wir in Oelsnitz so viele Leute kennen..... Am Ende landet der Vater Hans im Kreiskrankenhaus Oelsnitz auf dem Kirchberg gleich neben der Katholischen Kirche. Die Ärzte nehmen sich seiner mit besonderer Hingabe an, kommt es doch nicht alle Tage vor, dass ein „Ausländer“, der obendrein noch perfekt deutsch sprechen kann, in Oelsnitz behandelt wird.....
Alle damals nur mögliche Diagnostik wird gemacht und die Ärzte sind der Meinung, da sollte man mal nachschauen, indem man den Bauch einfach aufmacht. Aber der Patient weigert sich. Wenn schon Operation, dann nur zuhause und in Anwesenheit seiner Frau. Also haben die Doc's keine Chance, sie können ihn nur bis an die Halskrause mit Antibiotika abfüllen und so sein Leben bewahren. Inzwischen bin ich längst in Leipzig auf dem Predigercolleg und kann nur sporadisch über das Wochenende in Oelsnitz sein. Auch rückt der Geburtstermin für unser erstes Baby immer näher. Anne besucht ihren Vater jeden Tag im Krankenhaus, steht ihm bei, so gut sie in ihrem Zustand kann, es ist eine große Belastung für sie und die ganze Familie. Mutter Anna in Martinsdorf ist abgeschnitten vom Geschehen und soll dort die Dinge am Laufen halten. Da ist es ein großer Segen, dass der „kleine“ Hans bei Methners Hans gut untergebracht ist. Die beiden Hansen unternehmen fast jeden Tag eine Tour mit dem „Gaswagen“, d.h. sie liefern Propangasflaschen bis nach Bad Brambach, kehren unterwegs in der „Käs' burg“ ein und haben so ihre Beschäftigung. Es kommt Freitag, der 20. September 1974 und Anne muß zur Entbindung nach Plauen. Zum Glück ist die Hebamme eine gute Freundin und Pfarrfrau aus Taltitz, so wissen wir Anne auch da gut aufgehoben. Ein gesundes munteres Baby, unser Sebastian, kommt zur Welt. Aber ich bin weit weg vom Geschehen und bekomme kaum Sonderprivilegien eingeräumt. Schließlich ist Kinderkriegen ja was ganz Normales. Um die Begleitumstände weiß in dem Moment keiner so recht Bescheid. So kann ich auch am Geburtstag unseres ersten Sohnes nur etwas vor sieben Uhr abends in Plauen sein, um dann durch diese dumme Glasscheibe mit dem Storchenvorhang zu schauen auf ein kleines Bündel Mensch, das ich nicht erkennen kann. Hinter mir stehen und drängeln sich viele andere Leute, teils höher gestellte Menschen in Uniform der ruhmreichen Sowjetarmee,nach Machorka und Wodka duftend , deren Frauen, Töchter und
Schwiegertöchter auch da entbunden haben und ich weiß nicht recht, wer eigentlich mein erster Sohn ist........(Das wird sich zum Glück später ändern !!!!) Entsprechend schlecht geht es dem Vater Hans und ob er wirklich realisiert hat, dass er Großvater wurde, wissen wir nicht. Jedenfalls wird sein Zustand immer bedenklicher. Frau Dr. Renz mahnt zur Operation, aber da geht gar nichts. So bleibt uns nur, den Vater so schnell wie möglich nach Rumänien zu bringen, denn er hat sich vorgenommen, nur dort zu sterben. Vorher werde ich natürlich für den „kleinen“ Hans noch einen Extra-Reisepass bei der rumänischen Botschaft in Ostberlin besorgen und deshalb fahre ich auch noch einmal ganz kurz nach Pankow und besorge dieses Dokument. Nun steht der Heimreise nichts mehr im Wege. Der Hug Hageni kommt mit seinem inzwischen erneuerten Moskwitsch und fährt den Vater liegend nach Dresden, von wo aus wir einen Schlafwagenplatz für ihn und den „kleinen“ Hans reserviert haben. Es geht alles gut. Vater kommt in das Abteil, der Zug fährt los und wir müssen ihn buchstäblich „loslassen“. 

Von da ab wissen wir erst mal nichts mehr.
 Es ist wie bei der Weltraumfahrt: Bist du erst mal weg von der Erde kommt eine Zeit der Funkstille. Die nächste Nachricht erreicht uns nach vielen Stunden aus Oradea in Rumänien, das ist die erste Stadt nach der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien. Den Vater hat man als Notfall dort „ausgeladen“, in ein Krankenhaus verbracht und die Mutter ist da. Der „kleine“ Hans fährt offensichtlich weiter, weil er ja zur Schule soll. Die Auflösung des Dramas ist eine BLINDDARMENTZÜNDUNG. Ein rumänischer Arzt operiert notfallmäßig und stellt fest, dass der Blinddarm des Patienten sich entgegen aller Anatomie hinter der Galle versteckt hatte. Zum Glück hatten die Oelsnitzer Ärzte ihren Patienten mit Antibiotika bestens versorgt...........................
Die Rekonvaleszens des Vaters erstreckt sich über viele Monate. Aber er wird schon wieder fast der Alte: „Das größte Eichhörnchen von ganz Rumänien“. Wir werden noch viel Spaß mit ihm haben und er wird uns noch die eine oder andere Lehre erteilen können.
Ein Glück, dass es die Ärzte in Oelsnitz und Oradea gegeben hat.......................

Freitag, 31. Mai 2013

Martinsdorf

Martinsdorf: Evangelische Kirche
und Weißdorn (Blume des Monats Mai)

Aquarell, Mai 2013
von Agathe Wolff 

Mittwoch, 10. April 2013

Heute mal was zu Groß-Schenk:

Eine Collage über Groß-Schenk in Siebenbürgen mit seiner Wehrkirche.

Groß-Schenk liegt im Herzen Siebenbürgens, am Fusse der Karpaten.
Die Groß-Schenker Wehrkirche gehört auch zu den bedeutensten in Siebenbürgen.


Collage: Wehrkirche Groß-Schenk 
Acryl auf Leinwand 
von Agathe Wolff, Februar 2013


Auf einer  Seite über die bedeutensten Kirchenburgen Siebenbürgens habe ich folgende Beschreibung zur evangelischen Kirche aus Groß-Schenk gefunden:
Der bedeutenden Kirche in Großschenk wurde schon von Anfang an die Rolle einer Schutzwehr des Glaubens verliehen, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinn: Der Westturm wurde Anfang des 13. Jahrhundert errichtet und mehrfach erhöht und verstärkt. Im 18. Jh. wurden die Wehranlagen abgetragen und er erhielt seinen heutigen charakteristischen Turmhelm. Ein großer Teil der zwei ringförmigen Mauern, ausgestattet mit Basteien und Wehrtürmen, wurde abgetragen. Jedoch haben sich von den ehemaligen befestigten Gebäuden das sogenannte alte Rathaus und ein Wehrspeicher erhalten. Der Innenraum zeigt heute die Anmutung einer Hallenkirche, nachdem 1693 die Seitenschiffe zum Einbau von Emporen erhöht wurden. Die Innenausstattung der Kirche präsentiert sich in verschiedenen Stilformen: neben dem spätgotischen Gestühl findet sich die Kanzel aus der RenaissanceTaufbecken, Epitaphien und das Gestühl der Zünfte wurden im Barock hinzugefügt, während die klassizistische Orgel die Westempore dominiert.

Samstag, 6. April 2013

Otto

Von Hubert Schierl

Es gibt Geschichten, die kann man nicht erfinden, die muss das Leben selber schreiben.


So wie diese: Himmelfahrtstag 1990. Deutschland ist so halbe halbe wieder vereinigt, keiner weiss so recht, wo es lang geht, alle Möglichkeiten sind offen ..... . Erstmalig fahren die Männer mit ihren Bierkisten und -fässern am Dreiländereck über die Grenze ins Oberfränkische nach Prex, keiner schaut hin, alle Hinderungsgründe sind vergessen, Grenzzaun und Wachturm sind nicht mehr...........

WIR SIND DEUTSCHLAND

Schön ist das und wir freuen uns darüber.

Auch ich bin unterwegs.

Kürzlich sind unsere Eltern aus Siebenbürgen nach Deutschland gekommen. Über 6 Jahre haben wir gekämpft, die beiden Altvorderen hierher zu bekommen.Unser Rechtsanwalt in Zwickau konnte uns auch nicht wirklich helfen.
Eigentlich wollten wir sie ja in die DDR übersiedeln lassen, aber das scheiterte trotz intensiver Bemühungen nicht nur seitens der DDR-Behörden. Die waren ja ganz lieb. Der grosse Genosse Ceausescu sagte „NJET“, als er von Herrn Honecker auf den Fall „Schierl / Löprich „angesprochen wurde. Und das war wirklich so...Am Ende durfte er sich den KARL-MARX-ORDEN abholen, der grosse Genosse. Half ihm aber auch nichts mehr, seine Tage waren gezählt.
Nun ist plötzlich alles ganz anders... . Die Eltern sind jetzt im Westen, wir im Osten.
Wir wollen in Prex (Westen) eine Wohnung für die Eltern meiner Frau herrichten , zumindest will ich dabei helfen, wir geben uns gemeinsam Mühe. Fred, der Vater von Siegfried, sitzt mit im Auto. Wir kommen nach Blosenberg, zum Grenzübergang nach Ullitz.
Die DDR -Grenzer möchten unsere Pässe sehen, Fred hat einen rumänischen Pass und deswegen dauert es etwas länger. Da schaut Fred nach hinten und sieht einen Mann mit Rucksack.
„Den kenn' ich“, sagt Fred und gibt mir zu verstehen, dass der Mann im Hintergrund ein Bekannter von ihm ist, mit dem gemeinsam er in Kronstadt / Brasov / Siebenbürgen seinen Pass abgeholt hat. Otto – wie wir später erfahren – war schon einige Tage unterwegs. Er kam wirklich aus dem Kreis Kronstadt und er hat wirklich seinen Pass gemeinsam mit Alfred abgeholt.
Nun war er unterwegs nach dem Westen, aber ohne Ziel.
Der bayerische Grenzbeamte schickt ihn zurück. Otto hat keinen Grund - und kein Visum!
Otto ist verzweifelt und geht wieder. Der Westen ist ihm versperrt, so scheint es. Und dabei wollte er doch nur mal „Hof sehen“.
Auch ich bin einige Stunden später wieder auf dem Heimweg nach Straßberg. In der Höhe Autobahnbrücke Pirk sehe ich OTTO, ziemlich deprimiert auf dem Rückweg von der Grenze Richtung Plauen laufen. Sein Rucksack scheint mir noch viel schwerer, er kann nicht mehr... . „OTTO“, sage ich, Sie heissen wohl „OTTO.“ .... und Sie kommen wohl aus dem Kreis Kronstadt in Rumänien ... . 
„Woher wissen Sie das?“ ...
Nun, ein Wort gibt das andere. Am Ende sitzt OTTO in meinem Wartburg-Auto, verschwitzt, verhungert und eingeschüchtert, weil er nicht genau weiss, mit wem er es zu tun hat. Ich könnte ja auch einer von der „Firma“ sein. Bin ich aber nicht.


Ich nehme ihn mit nach Straßberg – erst mal „runderneuern“, Badewanne, was essen usw.... Aber der bayrische Grenzer, mit dem ich über OTTO geredet habe, hat mir gesagt: Komm' wieder, solange ich noch im Dienst bin, dann kann der OTTO doch noch nach Hof und – wenn Du es mir versprichst, dass Du ihn nach Nürnberg in das Aufnahmelager bringst, dann darf er auch bleiben. Also muss alles schnell gehen. Meine Jungs machen was zum Essen, OTTO geht unter die Dusche und dann geht es schon wieder ab in Richtung Ullitz, nach dem Westen.
Kaum zwei Stunden sind vergangen. OTTO ist fit und im Westen. Gerade sind wir in Ullitz über den Grenzstreifen gefahren, da soll ich mal anhalten. Er muss mal... . Und dann geschieht das ganz Besondere: OTTO kniet nieder und küßt den westdeutschen Boden. Irgendwie ist er angekommen. 
Soweit ich weiß, lebt OTTO derzeit in Bad Berneck, es ist also eine wahre Geschichte......... 

Freitag, 5. April 2013

Das große Finale

Von Hubert Schierl

Nun sind wir also in der Endrunde unserer Hochzeitsvorbereitungen.


Seit Mittwoch ist reges Leben und Treiben im Haus und Hof der Schwiegereltern. Jeden Tag sind mindestens 10 Frauen da und backen, was das Zeug hält. Tante Anna aus Mediasch ist angereist. Sie ist zuständig für das Kleingebäck und lebt seitdem nur noch von Kaffee und Zigaretten. Tagelang ! Ein Glück, dass wir „Westgäste“ haben und an Kaffee kein Mangel herrscht.

An mindestens 5 verschiedenenen Backöfen, im Dorf verteilt, wird Brot gebacken. Auch bei der Großmutter in ihrem kleinen Häuschen, in dem sie alle ihre 7 Kinder in den schweren Kriegsjahren allein groß gezogen hat. Ihr Mann war ja im Krieg und kam nur ab und an auf Urlaub...... Später hat es ihn nach dem Westen verschlagen. Großmutter blieb allein. Mein   Vater, der gelernte Bäckermeister, macht auch mit und knetet Teig. Überall duftet es nach frischem Brot. Über 50 große Laibe – so habe ich mir später sagen lassen – sind es. Immerhin wollen die zahlreichen Gäste ja schon vor der Hochzeit etwas essen. Brot, Kuchen, Kleingebäck – das ist die Sache für die nimmermüden Frauen. Derweil haben die Männer auch ihre Sorgen: Das Schwein muß geschlachtet werden. Bei der Hitze im August eine echte Herausforderung. Sonst heiratet man ja lieber im Herbst oder Winter, wenn keine Arbeit auf den Feldern ist und die kühlen Temperaturen für Frische sorgen. Uns ist der Termin staatlicherseits vorgegeben und so hat sich alles danach zu richten. Es muß also alles mal wieder schnell und vor allem sauber zugehen. Aber bei dem Schwein allein kann es nicht bleiben. Schließlich wollen die Leute auch Suppe vor dem Braten. Und für die erwarteten 300 Leute (Kinder gar nicht exakt mitgerechnet) braucht es schon eine Menge. Also lassen auch noch 52 unschuldige Hühner ihr kurzes Leben, um in den Kesseln der Gourmetköchinnen zu landen. Nachdem auch diese Tierchen sauber ausgenommen und von ihrem Federkleid befreit sind, werden sie noch an den Beinen „gefesselt“ und in den großen Suppenkessel, der eher einem hier ortsüblichen Waschkessel gleicht, getaucht, um dort Ihr „Fett ab zu kriegen“. Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren erlebe ich diese Zeremonie und der Geschmack ist bis heute im Gedächtnis..... Hühnersuppe mit selber gemachten Nudeln, die schon eine Woche vorher im Hochzeitshaus produziert und ganz fein mit dem Messer per Hand geschnitten wurden. Aus Agnetheln wird per Moskwitsch noch eine halbe Kuh herangeschafft. 
Alles muß sauber koordiniert werden und das ist die logistische Meisterleistung von Mutter Anna. Niemand könnte das so gut wie sie. Und dabei hat sie es gar nicht mal so leicht, denn jede der anwesenden Damen hat auch ihre eigenen Erfahrungen mitgebracht und manch eine weiß immer alles am allerbesten..... Da braucht es schon Durchsetzungsvermögen! Aber Mutter Anna schafft das souverän – auch wenn sie hinterher wohl mindestens fünf Kilo abgenommen hat.

Derweil fahren Vater Hans und ich zusammen mit Hug im guten alten Mossi (Moskwitsch-Auto) hinunter ins Kokeltal, um den Hochzeitswein zu besorgen. In Arbegen in der Kellerei werden wir fündig. Bestimmt ist es eine „Kokeltaler Mädchentraube“, die wir uns aussuchen – jedenfalls ein „Weinchen“, wie es kein zweites gibt. Gerade gut genug für den festlichen Anlaß!! Also nehmen wir genug davon mit. Wie das arme Auto das geschafft hat, weiß ich nicht mehr. Aber am Ende ist der Wein in seinen Fässern im Kulturhaus in Martinsdorf – dem Festsaal – gut gelagert und der Schuster-Onkel (der Pate von Anne) hat die ehrenvolle Aufgabe, von nun an bei Tag und Nacht Wache zu halten, damit keiner auf dumme Gedanken kommt und der Wein sich „beruhigen“ kann nach den Strapazen des Transports. Wie man mir später sagt, hat er sogar bei den Fässern geschlafen. Über den Brautstrauß habe ich ja anderenorts schon berichtet. Wie gesagt, es war kein leichtes Unterfangen, überhaupt ein halbwegs würdiges Exemplar zu bekommen.


Und nun ist Sonnabend vor der Hochzeit. 
Schon nachts gegen 2 Uhr klingelt der Wecker, wir müssen raus aus den Federn – Leute zur Arbeit rufen. Annes Jugendfreunde sind vollzählig angetreten, einer hat sein Akkordeon mitgebracht und dann geht das los mit Musik und großem Getöse kreuz und quer durch's Dorf. An diesem und jenem Hoftor machen wir halt und dann wird gesungen. „Meister Jakob, schläfst du noch?“ und ähnliche Texte. Während der eine Teil der Truppe singt, machen sich die anderen, meist die Jungs, „nützlich“ und heben schon mal die Tür zum Schweinestall aus, damit die lieben Tierchen auch Freiheit haben, oder treiben die Kuh schon mal vorzeitig auf die Weide. Alles sehr zur „Freude“ der Einwohner, die das Spiel aber schon kennen und deshalb auch recht tolerant sind. Am Ende sind wir hundemüde zurück auf dem Hochzeitshaus und die armen Frauen, die wir in aller Frühe mit einem kräftigen Schnaps geweckt haben, müssen einen ganzen Tag lang noch schwer schuften, damit am Sonntag alles zur Hochzeit parat ist. 
Nun gilt es! Die Hauptarbeit ist nunmehr im Saal. Die Frauen rühren, kochen und brutzeln, die Jugend richtet die Lokalität festlich her. Das Brautpaar wird geschont. Immerhin haben wir noch die „Betstunde“ beim „Herrn Vater“ - so nennen sie den Ortspfarrer in der Tat damals noch, zu absolvieren. Übrigens, war seine liebe Frau die „Frau Mutter“. (Später, als ich selber Dorfpfarrer bin, wünschte ich mir nur ein wenig von diesem Respekt!!) 

Und dann ist Sonntag, der 19. August 1973! Bis gegen 10 Uhr haben sich alle geladenen und sicher auch noch ein paar Zaungäste im Kulturhaus versammelt. Erst einmal gibt es eine kräftige Suppe, denn mach einer ist schon seit den frühen Morgenstunden per Bus unterwegs. Ein eigenes Auto ist eher die Ausnahme. Und bei der Infrastruktur ist die Anreise selbst innerhalb des Kreisgebietes Hermannstadt langwierig. Dann geht es mal kurz in die Quartiere, das „hochzeitlich' Gewand“ anzulegen und schon wenig später kommt man wieder im Saal zusammen zur „großen Verbrüderung“. Ich habe diese Zeremonie schon einmal in Hetzeldorf gesehen: Braut und Bräutigam verabschieden sich formell bei ihrem jeweiligen Familien und bitten in der je anderen Familie um Aufnahme. Professor Chrestel, Annes Lehrer, und mein lieber Freund Hug (der eigentlich Rainer heißt) wachen darüber, dass alles ordnungsgemäß abläuft. Überhaupt werden die beiden Herren für den Rest des Tages „Den Hut auf“-haben und dafür sorgen, dass die ganze Gesellschaft von über 300 Leuten ordnungsgemäß nach „Sitt' und Brauch“ die Hochzeit erlebt. Auch wir, das Brautpaar, haben uns vor der Zeremonie noch einmal kurz zurückziehen können, um uns anzukleiden. Schließlich wollen wir ja im „Brautmoskwitsch“, der kurz vorher noch Wein- und Kuhtransporter war, feierlich vor dem Kulturhaus auffahren. „Noblesse oblige“ - Adel verpflichtet! 
Dann formiert sich die gesamte Gesellschaft zu einem Hochzeitszug. Vorweg ich, der Bräutigam, flankiert von Prof. Chrestel und Hug (vielleicht auch, damit ich nicht mehr weglaufen kann.....?) Hinter uns Anne, die Braut, im wertvollen Spitzenkleid von 1943, geleitet von Suni und Monika, Hug's Frau. Und dann der schier endlose Zug von jungen Paaren in Martinsdorfer Tracht. Das haben wir dem Professor Chrestel zu verdanken, der uns eingeschärft hat, dass es anders nicht geht. Nach „Sitt' und Brauch“ eben! Und dann der Rest – die Eltern, die Onkels und Tanten, die aus- und inländischen Gäste.......Und nicht zu vergessen die vielen Kinder. Etliche Schaulustige stehen am Weg zur Kirche, die wir unter Glockengeläut und Orgelspiel betreten. Den Gottesdienst zu unserer Trauung erleben wir stehend. (Später beneide ich dann die Paare, die ich selber trauen darf: Die können sitzen). Unser Freund Fred predigt über unseren Trautext: „Ihr sollt Euch zuerst um das Reich Gottes kümmern und Ihr werdet erleben, dass viele Dinge sich dann von allein regeln“. So ähnlich steht es jedenfalls in der Bergpredigt des Herrn Jesus bei Matthäus. Und dann passiert etwas, das wir alle, die wir es erlebt haben, wohl nie vergessen werden: Von der Orgelempore ertönen klare volle junge Männerstimmen im Quartett und singen für uns den Psalm 23 : „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Der gute Professor Chrestel hat ein paar Burschen vom Dresdener Kreuzchor mitgebracht, die gerade auf Urlaubsfahrt in Siebenbürgen sind und einmal eine originale siebenbürgische Hochzeit miterleben dürfen. Beides, der Predigttext und der Psalm, haben bis auf den heutigen Tag nichts von ihrer Aktualität verloren. Und das sind derweil 40 Jahre. Die Erfahrung, dass es uns an nichts mangelt, machen wir immer wieder. Wir können sogar mit anderen teilen und das ist gut so. Und dass wir uns bei Gott gut aufgehoben wissen, erlebten und erleben wir auch immer wieder. Ja und dann der große Moment: Wir stecken einander die Ringe an, Fred segnet uns und dann darf ich meine junge Frau ganz allein aus der Kirche hinausführen. Nun brauchen wir keinen „Begleitschutz“ mehr. Das ist ein erhebender Moment. 
Kurzer Fotostop unter dem Kirchenportal für die anwesenden in- und ausländischen Gäste und dann geht es im langen Zug quer durch's Dorf bis zu Annes Elternhaus. Ich denke, das ist eindrücklicher, als jede Maidemonstration..... 
Ein paar Kinder verwehren uns noch den Eintritt in den Hof und wollen einige Münzen haben. Das wird großmütig gewährt und dann geht es ans Gratulieren und Schenken. Wir hatten unseren ausländischen Gästen gesagt, sie möchten uns erst in Deutschland beschenken und den Inländern haben wir zu verstehen gegeben, dass uns mit Geld am besten zu helfen sei. Trotzdem türmen sich auf dem Gabentisch die Geschenke. Mutter Anna hat zu tun, die Übersicht zu behalten und unsere Gäste aus den beiden Deutschlands müssen später vor dem Zoll an der Grenze schwitzen, weil sie die guten Gaben transportieren müssen. Später kriegen wir auf Umwegen alles wieder zusammen... . Der Rest des Tages ist Freude, gutes Essen, Tanz und Unterhaltung mit unseren Gästen. Alles, was fleißige Hände vorbereitet haben, ist wohl gelungen und findet guten Absatz.. Die liebe Sonne meint es gut mit uns, der schwarze Anzug wird langsam schwer vom Schweiß und so wird es Mitternacht – das offizielle Ende der Hochzeit. Der „Herr Vater“ nimmt Anne den Schleier ab und übergibt ihn ihrer Mutter. Ich werde des Sträußchens an meinem Anzugrevers beraubt, welches meine Mutter erhält und so soll symbolisiert werden, dass es nun vorbei ist mit dem Brautstand. Der Alltag beginnt. Vorher dürfen wir uns beim „Windeltanz“ noch etwas Kleingeld für den künftigen Nachwuchs verdienen und dann heißt es Abschied nehmen vom Brautstaat. Schnell mal heimgehen, „Zivil“ anziehen und dann kommt etwas, das zumindest ich nur schwer verkrafte: Anne und ich müssen mitten in der Nacht, so gegen 3 Uhr, unsere sämtlich Gäste – soweit noch munter – mit einer letzten Mahlzeit bedienen. Zum Glück haben wir ein paar helfende Hände, aber das ist in der Tat eine schwere Aufgabe.
Über die „Hochzeitsnacht“ sei der gnädige Schleier des Schweigens gelegt. Ich weiß jedenfalls, dass sie arg kurz ausgefallen ist.

Eine Woche haben wir nun noch Zeit, dann muß ich den Heimweg antreten, weil der Dienst beginnt. Pünktlich am 28. August habe ich mich in der Evangelischen Akademie zu Meißen einzufinden zum Einführungslehrgang für den Kirchlichen Vorbereitungsdienst (Vikariat). Diese paar wenigen Tage gilt es nun noch zu nutzen für die „Flitterwochen“. Annes Tante Katharina und ihr Mann Martin wohnen mit ihren zwei Kindern Irmgard und Martin in Victoria-Stadt, direkt im Karpatengebrirge. Diese lieben Menschen stellen uns für drei Tage ihre Wohnung zur Verfügung und so haben wir wenigstens ganz kurz Gelegenheit, unsere Zweisamkeit zu genießen und uns von den Aufregungen der letzten Tage, Wochen und Monate zu erholen. Es sind drei herrliche Tage, unbeschwert, aber doch auf's neue überschattet von der erneut bevorstehenden Trennung, denn obwohl wir nun nach Recht und Gesetz verheiratet sind, darf ich Anne noch lange nicht mitnehmen nach Deutschland. Sie muß erst mal einen Antrag zum Verlassen des Landes und zur Übersiedelung zu ihrem Ehemann stellen. Und niemand weiß, wie lange das nun wieder dauern wird.......


Machen wir es kurz:

Anfang Dezember 1973 bekomme ich dann die Nachricht, dass Anne dann und dann mit dem Flugzeug aus Bukarest kommend in Berlin – Schönefeld eintreffen wird. Vorher hat mein Vikariatsvater Vödisch in Plauen noch ein Einsehen und erlaubt mir eine schnelle Woche Siebenbürgen. Ich danke es ihm heute noch! Ich glaube, es ist ausgerechnet der Nikolaustag, als ich in Plauen den Schnellzug nach Berlin besteige. (Auch der ganz große „Überrumäne“ hieß Nikolaus !) Natürlich hat der Zug Verspätung und ich sehe den Flieger, der meine Frau an Bord hat, schon landen. Mit hängender Zunge haste ich zum Flughafengebäude und dann ist es endlich endlich so weit. Wir sind als Eheleute glücklich vereint. Von unserem ersten Kennenlernen bis zu diesem denkwürdigen Tag sind sage und schreibe zweieinhalb Jahre vergangen! 
Natürlich haben wir noch ein paar kleine bürokratische Aufgaben: Man hat Anne in Rumänien noch gesagt, dass der erste Weg sie zur rumänischen Botschaft zu führen habe, wo sie sich registrieren lassen muß, damit sie nicht in letzter Minute noch die Kurve nach dem Westen nimmt. Auch das wird pünktlich erledigt und wo wir nun einmal in der „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“ sind, wollen wir natürlich auch das Kleingeld, das mir die Mutter in Oelsnitz noch zugesteckt hat, ausgeben und für Anne gleich ein paar nette zeitgemäße Klamotten kaufen, die es so in der Provinz nicht gibt. Müde aber glücklich kehren wir nach Plauen zurück und beziehen unser „Ein-Raum-Appartement“ bei der Pfarrerwitwe Brunner, die mit ihren zwei Kindern in der Uhlandstraße wohnt. Küche und Bad nutzen wir gemeinsam, das ehemalige Arbeitszimmer ihres Mannes ist unser Zuhause. Unsere Bettsachen verstauen wir eine halbe Treppe tiefer in einer Truhe in einer Toilette, schlafen dürfen wir auf einer blauen ausziehbaren Couch, unser Monatseinkommen beträgt 330.- M/DDR und so starten wir in unser gemeinsames Leben.........

Aber: Wir haben es allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft !!!!! 

Endlich am Ziel

Von Hubert Schierl

„Studium ex – Amen“ !- so lautet das Telegramm, das ich meinen Eltern Mitte Juli 1973 nach Oelsnitz schicke. 14 Semester – 7 lange Jahre – Theologiestudium habe ich hinter mir. Was ist in dieser Zeit alles geschehen: Der Abriss der Uni-Kirche in Leipzig, das Jahr 1968 mit seinen studentischen Unruhen im Westen Deutschlands und dem Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten in der CSSR,die erste Mondlandung der Amerikaner, der Kniefall von Willy Brandt in Warschau, meine Zeit als Pfleger im Krankenhaus, die Reisen nach Rumänien, das Eisenbahnunglück bei Schweinsburg-Culten, wo ich im dritten Waggon saß – um nur ein paar markante Punkte aufzuzählen.
Obwohl ich wegen meiner politischen Einstellung nicht zum Abitur zugelassen war, keine „Erweiterte Oberschule“ besuchen durfte, habe ich es geschafft. Die alten Sprachen, Latein, Griechisch, Hebräisch sind bewältigt – mehr oder weniger gut. Ich denke an das Hebraicum, das ich mit viel Geschick und dem Fundus von immerhin 3 – 4 Vokabeln mit Note 1 b geschafft habe. Das war unter anderem dem guten Pfarrer Steyer zu verdanken, dem Sprachgenie am Theologischen Seminar. Der saß bei der mündlichen Prüfung hinten in der Prüfungskommission und hat heimlich geflüstert.... Er hat wohl gewußt, wie beliebt Hebräisch bei den Studenten war. Er selber war „Grieche“.
Den schriftlichen Text hatte uns unfreiwillig der Dr. Hermann, unser Alttestamentler, verraten, indem er uns ein Schlüsselwort gegeben hatte. Die restlichen Prüfungen im Alten und Neuen Testament, in der Predigtlehre, der Dogmatik, Missionsgeschichte und wie die Fächer sich alle nannten, sind vorüber. Nun spielt die Prüfungsangst keine Rolle mehr !

„Studium ex – Amen“.

Vorbei die Anspannung vor den Examina, der schwarze Anzug darf im Schrank in der Studentenbude Platz nehmen.

Mutter kommt nach Leipzig, läßt sich von mir mal ganz vornehm ausführen und bezahlt die Schmiere auch noch... . Das tut gut !

Es ist ein Stück neues Leben – wenn da nicht noch das Problem mit der Heiratsgenehmigung wäre ... . Ich löse meine „Bude“ in Leipzig auf, indem ich mir „Postmietbehälter“ - das sind große stabile Kartons – bei der Post (wie der Name schon sagt) ausleihe, mein Hab und Gut darin verstaue, die Bücher, die Schallplatten, alles eben, was nicht in den Koffer geht, und dann nix wie fort nach Martinsdorf zu Anne!

Immerhin sind dies die letzten unbeschwerten großen Ferien. So schön wird es nie wieder! Soviel weiß ich. Im Herbst soll ja das Vikariat in Plauen beginnen und dann wird es ernst....

Also: Nochmal durchatmen und den Tag genießen. Wir beide, Anne und ich sind froh, dass wir wieder beieinander sind und freuen uns unseres Lebens. Die nicht vorhandene Heiratsgenehmigung haben wir schon fast vergessen. Wir fahren mit dem Bus zu Suni und Helmut, die mit der kleinen Agathe in Großschenk wohnen. Die haben da ein schönes Haus, Helmut hat es als Maurer gut auf „Vordermann“ gebracht und so läßt es sich leben ... .

Bis eines schönen Morgens Suni ganz aufgeregt in unser Schlafzimmer stürmt:

„Ihr dürft heiraten, die Genehmigung ist da!“

Die Eltern aus Martinsdorf haben über die Postzentrale nach Großschenk angerufen und die Mitteilung gemacht. Nun aber ganz schnell ! Tasche packen und ab nach Martinsdorf. Herzklopfenderweise kommen wir dort an und halten ein offizielles Schriftstück in der Hand: Innerhalb der nächsten 3 Wochen haben wir vor einem rumänischen Standesamt die Ehe zu schließen, andernfalls erlischt die Genehmigung.

Bis dahin gibt es aber nun noch eine Menge zu tun. Ein Termin für das Standesamt muß gefunden werden. Wir beschließen, die standesamtliche Trauung auf dem Dorfrathaus von Mihaileni zu beantragen. Anne hat da einen entfernten Verwandten, der ist Vizebürgermeister, spricht deutsch und hat das Recht, uns zu verheiraten. Den Termin legen wir fest auf den 09. August 1973 im Gemeindeamt Mihaileni, ungefähr 5 Kilometer von Martinsdorf entfernt.

Aber noch viel wichtiger ist, einen Termin für die kirchliche Trauung zu finden. Es sollen ja auch von meiner Seite Leute eingeladen werden, die mir bei dem wichtigen Schritt in's Eheleben beistehen. Die Eltern sollen kommen, Freunde aus Oelsnitz und Umgebung, Studienkollegen aus Leipzig, die Tante aus der Altmark, Verwandte aus Oberfranken und Jan aus Tschechien. Insgesamt sind es wohl ein paar zwanzig Menschen, die wir einladen wollen. Ganz wichtig ist auch das Hochzeitskleid für Anne und der Anzug für mich. Tracht geht nicht, da ich kein Siebenbürger bin, also bleibt nur „bürgerlich“. Aber wir haben buchstäblich nichts. Die Eltern müssen alles mitbringen. Manches kann dann doch noch vor Ort ergänzt werden, aber es wird schon eine Improvisation ... . Telegramme gehen hin und her, von Martinsdorf nach Oelsnitz und zurück, Listen werden geschrieben, Besorgungen müssen erledigt werden und das alles ohne Auto .... . Mit dem Ortspfarrer vereinbaren wir Sonntag, den 19. August 1973 für die kirchliche Trauung. Annes Eltern fahren am Limit, denn es sind insgesamt etwa 300 Personen zur Hochzeit einzuladen und das bedeutet, alle Lasten der Beköstigung, Unterbringung und Betreuung der Gäste ruhen auf ihnen. Die Leute aus Deutschland können mangels Erfahrung herzlich wenig beitragen. Ein Wunder wird sein, wenn alle überhaupt pünktlich anwesend sein werden. Immerhin dauert die Bearbeitungsfrist für eine Reisegenehmigung in der DDR mindestens 14 Tage. Später erfahren wir dann, dass es auf dem Polizeiamt in Oelsnitz eine offizielle Dienstanweisung gegeben hat. „Wer zu der Hochzeit von dem Schierl nach Rumänien will, bekommt seine Reisebewilligung innerhalb von 24 Stunden!“ Ein Glück aber auch ! 

Und dann kommt der 9. August - der Tag der standesamtlichen Trauung. 

Heinrich Schobel, der Kutscher auf der Staatsfarm, hat die Pferdchen eingespannt, die Kutsche geputzt und fährt vor dem Elternhaus von Anne vor, um uns nach Mihaileni zu kutschieren. Zum Glück hatte ich mir wenigstens einen leichten Sommeranzug eingepackt und Anne hat einen schicken Hosenanzug, so sind wir halbwegs „in Form“ für diesen wichtigen Akt, der uns so viel Zeit und Kraft gekostet hat. Der Nachbar, Klaus Thalgott, der „Herr Ingenieur“, wie Annes Mutter ihn nennt, hat seine russische „Isch“ - das ist so ein uriges, tuckerndes, „handgeschmiedetes“, wohl mit Hammer und Sichel gebautes Motorrad mit Beiwagen – flott gemacht, besteigt dieses und läßt den Vater Hans mitsamt einem 5-Liter-Krug voll Wein im Beiwagen Platz nehmen. Die beiden sollen unsere Trauzeugen sein und mit dem Wein soll später die Anspannung „gelöscht“ werden. Ab geht die Post in Richtung Standesamt. Uns beiden „Deliquenten“ fällt nichts besseres ein, als auf unserer Kutsche das schöne Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ anzustimmen. War es jugendlicher Leichtsinn, war es die Freude, es endlich geschafft zu haben oder haben wir vielleicht gar nicht kapiert, was wir da zu tun im Begriff waren ??? Herr Wagner, der Standesbeamte, empfängt uns im Rathaus zu Mihaileni. Auch er hat sich festlich gekleidet, er trägt zu seinem Holzfällerhemd die blau-gelb-rote Schärpe in den rumänischen Nationalfarben. Seine Rede fällt zum Glück kurz und schmerzlos aus. Er muß uns freilich von der „kleinsten Keimzelle der sozialistischen Gesellschaft“, der Familie etwas erzählen, aber wir alle haben das Gefühl: Nun reicht es, laßt uns die Sache mit den Unterschriften beenden, damit wir zum Kernpunkt kommen, und das ist nun mal der Krug mit dem Wein, der seitlich vom Schreibtisch steht. Wir stoßen miteinander an, alle wünschen uns Glück und der Herr Wagner zieht mit dem Rest vom Wein fröhlich seiner Wege. 
Die Rückfahrt ist genau so fröhlich, wie die Anreise und nu sind wir ganz hochoffiziell ein Ehepaar. Freilich hat Anne noch mit ihrem Mädchennamen unterschreiben müssen, aber das ist nun Vergangenheit, es beginnt etwas völlig Neues .... wir sind vor dem Gesetz verheiratet, allen Widrigkeiten zum Trotz! 
Für großartige Feierlichkeiten ist nun keine Zeit mehr. Es bleiben uns noch genau 10 Tage bis zur „eigentlichen Hochzeit“. Diese Tage näher zu beschreiben übersteigt im Nachhinein das Vermögen des Chronisten. Es sind so unendlich viele Details zu bedenken und zu bewerkstelligen. Schließlich soll alles gut sein, man möchte sich auch sehen lassen können mit dem, was man da auf die Beine stellt. So bleibt uns, Anne und mir, die Aufgabe, uns um die Dinge am Rande zu kümmern. 
Inzwischen ist Hug mit seiner Frau Monika eingetroffen, mein lieber Kommilitone aus Leipzig und nun haben wir auch ein Auto zur Verfügung. Es ist ein alter „Moskwitsch 408“, aber er fährt und wir sind etwas beweglicher. Benzin gibt es zu der Zeit noch und so können Besorgungen nunmehr per Auto gemacht werden. 
Jeden Tag kommen neue Gäste. Die Eltern reisen an und bringen Brautkleid und Anzug mit. An alles haben sie gedacht. Mutter hat ihr eigenes Hochzeitskleidaus Plauener Spitze ausgegraben, das sie 30 Jahre vorher selber getragen hat, mein schwarzer Anzug ist auch da, selbst an die „Fliege“ haben sie gedacht, aber was wir nicht haben, ist ein Schleier und ein Unterkleid für die Plauener Spitze ... . Da kommt uns sehr entgegen, dass Reisen schlau macht. Gertrud muß helfen! Gertrud ist die Tochter des Pfarrers von Pretai, die vor wenigen Wochen selber geheiratet hat. Ich habe sie bei der Anreise im Zug kennengelernt und irgendwie hatte sie mir erzählt, dass sie genau die Utensilien daheim hat, die uns nun schmerzlich fehlen. Also auf nach Pretai, Unterkleid und Schleier holen. Von Gertruds Vater, Pfarrer Müller, werden wir freundlichst empfangen und er bietet mir sogar an, mich für eine Pfarrstelle in Oesterreich vorzuschlagen. Der Gute ....... 
Aber das Beste am Pfarrhaus von Pretai ist das sogenannte „Mehrschissige Klosett“ - das hatte ich bisher noch nicht gesehen: Ein Stilles Örtchen mit zwei Öffnungen nebeneinander, so dass man sich beim „Geschäft“ auch noch über's „Geschäft“ unterhalten kann. Auf das Probesitzen habe ich bis heute verzichtet. 
Ganz wichtig ist auch die Frage des Hochzeitsstraußes. Anne wünscht sich Nelken. Also fahren wir nach Hermannstadt zum Blumenladen. Immerhin sind es gute 60 km teilweise abenteuerliche Straße, aber der „Moskwitsch“ macht das schon. Wir fahren einmal, wir fahren zweimal und auch dreimal. Am Ende werden wir doch fündig. Es ist zwar nicht das Gebinde, das wir gern wollten, eher etwas rustikal, aber wir haben einen Strauß. Nun muß der nur noch halten bis zum großen Tag ... . 
Wie gesagt, kommen jeden Tag neue Gäste aus den beiden Deutschlands an. Die Westler kommen mit dem „Wiener Walzer“, dem Schnellzug aus der gleichnamigen Donaumetropole und müssen in Hermannstadt abgeholt werden. Die „Ostler“ kommen mit dem „Baldrian“-Express direkt aus Leipzig bzw. Berlin oder Dresden und steigen in Mediasch aus. Die jungen Leute sind fündig und suchen sich die Busverbindung nach Martinsdorf alleine, Tante Lori und Frau Wetzel wollen wir jedoch abholen. 
Der „Herr Ingenieur“ spannt noch einmal seine Russen-Isch ein und wir fahren dem Zug entgegen bis nach Blasendorf. Dort wollen der Vater Hans und ich einsteigen, die beiden Frauen suchen und in Mediasch aus dem Zug geleiten. Klaus soll dort schon mit dem Motorrad warten und das Gepäck aufnehmen, wir sollen dann mit dem Bus nachkommen. So weit der Gedanke, und der ist auch ganz gut, nur haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die beiden erwarteten Frauen sind nicht an Bord des Zuges. Dafür kommen sie einen Tag später auf abenteuerliche Weise in Martinsdorf per Bus an. Auch sie haben es geschafft! 
Genau wie Peter mit seiner Frau Marlene, die zusammen mit Marlenes Bruder nebst Frau mit zwei Trabis anreisen sollen. Irgendwo in den Westkarpaten haben sie sich derart „verfranst“, dass sie meinen, irgendwo in der Taiga zu sein. In einer Zeit ohne Navigationshilfe, mit ganz viel Sprachproblemen und mangelhaftem Landkartenmaterial eine logistische Meisterleistung. 
Kleine Dinge am Rande, die eine solche Feier erst interessant machen ... . 
Uns jedenfalls wird nicht langweilig. Zum Glück spielt das Wetter mit und unsere lieben Gäste können sich – soweit sie nicht zu Handlangerarbeiten herangezogen werden – selber beschäftigen. Die Tage vergehen und schließlich kommen die Vorbereitungen in die „Zielgerade“.

Aber das ist nun wieder eine Geschichte für sich .....................























Ein kleiner Vorgeschmack auf die nächste Geschichte. 
Ich zumindest freue mich schon sehr darauf! 

Der Kampf gegen die Windmühlen

Von Hubert Schierl

Da sitzen wir also mit unserer Weisheit. Der Herr Rechtsanwalt Blaga hat uns geholfen, die „Papiere“ sind eingereicht, das Wörtlein „Warten Sie zuhause“ haben wir oft gehört und getrennt sind wir immer noch. Anne ist nach wie vor in Hermannstadt und ich bin in Leipzig und alles scheint seinen langsamen Gang zu gehen ..... .

Bis ich dann wirklich beschließe, die Sache zu beschleunigen. Immerhin habe ich ja eine Schreibmaschine.

Und so beginne ich, Briefe zu schreiben.

Der Parteichef von Hermannstadt heißt Winter, das weiß ich und seine Adresse kriege ich auch raus. Also schreibe ich ihm einen Brief und trage unser Anliegen vor: „Wir möchten gern heiraten und wenn wir verheiratet sind, wollen wir in der DDR leben. Unter befreundeten Ländern dürfte das doch kein Problem sein ...“ und so weiter ...

Als nach zwei Wochen noch keine Antwort da ist, schreibe ich wieder. Ähnlicher Wortlaut, gleiches Anliegen. Immerhin denke ich mir, der Mann ist ja ein Deutscher, der muß unsere Absicht doch ernst nehmen! 

Denk'ste ! Nichts kommt zurück

Derweil habe ich auch eine Adresse von Bukarest – vom ganz großen Genossen Nicolae Ceausescu. Dem schreibe ich auch. Ganz viel „Bitte, bitte“ und Heischen um Verständnis – aber auch von da kommt nichts.
Und so gehen Briefe aus Leipzig in Richtung Rumänien – alle zwei Wochen einer nach Hermannstadt an den „Sehr geehrten Herrn Winter“ und jeden Monat einer nach Bukarest an den „Präsidenten der Sozialistischen Republik Rumänien“. Auch meine Mutter in Oelsnitz setzt sich für uns ein und schreibt Briefe. Das kann sie nämlich sehr gut! 
Aber es passiert gar nichts. Es ist, als wäre alles nicht geschehen. Dabei wissen wir aber durch die Rückscheine der Deutschen Post der DDR, dass unsere Briefe alle zugestellt wurden.

Ich komme mir vor wie Don Quichotte – die Windmühlen sind übergroß!
Monat um Monat vergeht und es geschieht nichts – es ist zum Verzweifeln ! Irgendwie sind wir abgehängt ... . 
Regelmäßig aller zwei Monate spreche ich in Oelsnitz beim Rat des Kreises vor und lasse mein „Ehefähigkeitszeugnis“ verlängern. Das ist die Bescheinigung dafür, dass ich noch immer unverheiratet bin und mein Heimatland nichts dagegen hat, dass ich eine Ausländerin heiraten will. Ich habe das Gefühl, dass ich den Leuten vom Amt in Oelsnitz langsam leid tue. Jedenfalls sind die alle ganz freundlich zu mir.
Bis ich eines schönen Tages auf die Idee komme, einen Brief nach New York zu schreiben und zwar an die „Division of Humen Rights“ - die Kommission für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen. Ich bekomme sogar Antwort, das hätte ich nicht glauben wollen. Man schreibt mir, dass es unser gutes Recht sei, die Eheschließung über Grenzen hinweg einzufordern – ein Menschenrecht eben. Alles schön auf Englisch, aber ich kann mich halbwegs „durchfitzen“.
Und Anne bekommt eine Einladung. Zur „Securitate“, dem rumänischen Staatssicherheitsdienst. Sie solle mir doch mitteilen, dass ich keine Briefe mehr schreiben soll. Das würde eh' nichts nützen. Ich kann mir vorstellen, wie ihr zumute ist. Mit diesen Leuten möchte man lieber nichts zu tun haben....

Trotzdem mache ich weiter und setze noch einen drauf: Ich schreibe auch noch an die deutschsprachige rumänische Tageszeitung „Neuer Weg“. Mein Freund Günter hat mir da einen Namen mitgeteilt. Ein Journalist, der manches bewegen kann. Ob das wohl hilft??

Inzwischen sind Monate vergangen.


Zu Weihnachten bin ich in Siebenbürgen. Agathe wird getauft, die kleine Tochter von Annes Schwester Sunhild und ihrem Mann Helmut. Es ist schön, das Christfest auch mal in der Fremde zu erleben. Vieles ist anders. Die Taufe ist sehr feierlich und es sind ganz viele Leute da. 


Am Silvestertag in der Nacht muss ich wieder in Richtung Leipzig abreisen.
Ich werde es nicht vergessen: Wir alle wollen uns gerade ein frohes Neues Jahr wünschen, da ist hinten im Hühnerhof großes Getöse. Offensichtlich ist da einer über den Zaun gestiegen und will sich einen Neujahrsbraten mit Gefieder holen ... . Ob er das geschafft hat, weiß ich bis heute nicht. Aber der Lärm war groß.... 
Ich muß zum Zug. Mitten in der Neujahrsnacht. Und die Reise geht auch ganz gut – bis Budapest. Dort wird in mehreren Sprachen mitgeteilt, dass die Reisenden jetzt alle aussteigen müßten, weil wegen der Schweinepest eine normale Weiterfahrt nicht möglich sei. Ich kann kein Wort Ungarisch, habe nur kapiert, dass der Zug hier nicht weiterfährt und ich auf einen anderen Bahnhof muß, um nach Hause zu kommen.
Ungarisches Geld habe ich auch nicht. Nur noch einen rumänischen Hunderter, der damals richtig viel wert ist. Immerhin ca. 40 Mark der DDR. Für einen Studenten eine Menge Kohle ....
Also bleibt mir nur ein Taxi, um von einem Bahnhof zum anderen zu kommen und beim Aussteigen bin ich schon recht froh, dass der ungarische Taximann meinen rumänischen Hunderter annimmt. Ich bin bei meinem neuen Zug und der Taxler hat ein gutes Geschäft gemacht – also ist allen geholfen. 
Die Reise geht weiter bis Bad Schandau an der DDR-Grenze. Dort sammeln dann die DDR-Zöllner erst mal alle Lebensmittel ein. „Schweinepest“ ist das Zauberwort.
Nur ich habe Glück: Weil ich aus Rumänien komme, darf ich meinen Reiseproviant behalten. Das gebratene Huhn, von dem der Zigeuner nichts wußte, bleibt mir also. Auch die „Fleischknödel“, die die Schwiegermutter so gut zubereiten kann, dürfen mit nach Leipzig und so ist die Ernährung mal wieder gesichert. 

Die Zeit läuft weiter und die Briefe nach Rumänien auch.
Es wird Frühling und der 1. Mai sieht mich schon wieder in Siebenbürgen. Ich habe mein letztes Semester angetreten, habe alle nötigen Testate beieinander, muß also zu keiner Vorlesung mehr, die mündlichen Prüfungen zum Studienabschluß haben noch ein paar Wochen Zeit, die großen Arbeiten sind geschrieben und was ich bisher nicht gelernt habe, kommt nun auch nicht mehr. Also bin ich in Martinsdorf.
Und das ist nun wirklich ein Erlebnis ! Ein Frühling, wie ich ihn hier zuhause noch nie kennen gelernt habe. Es ist warm, die Bäume haben schon volles Laub und zum 1. Mai gehen wir „demonstrieren“ mit Lammschnitzel vom Grill, frisch gebackenem Brot und Wein aus dem Keller. Die Jugend ist im Freien. Alle sind fröhlich und alle Sorgen scheinen vergessen.
Inzwischen gehöre ich ja mit dazu. Immerhin bin ich beinahe so oft in Martinsdorf, wie die anderen Jugendfreunde von Anne, die in der Stadt ihre Ausbildung machen oder schon eine Arbeit haben.
Es ist wieder eine schöne Woche, die uns dieses ewige „Warten Sie zuhause“ fast vergessen läßt. Wieder kommt ein leidiger Abschied, aber wir wissen, bis zum Sommer ist nicht mehr viel Zeit. Nur noch zwölf bis fünfzehn Prüfungen in Leipzig und das Studium ist vorbei. Dann sind die letzten großen Ferien und für uns kommt ein Wiedersehen.....
Was diese „großen Ferien“ uns bringen werden, wissen wir freilich noch nicht.....